Sprechen, Schweigen, (Um)deuten – Wie die politisch-gesellschaftliche Aufarbeitung fürsorgerischer Zwangsmassnahmen in der Schweiz den Umgang mit der elterlichen Geschichte verändert: Eine qualitative Studie mit Nachkommen Betroffener

Autor/innen

  • Nadine Gautschi Berner Fachhochschule
  • Andrea Abraham Berner Fachhochschule

DOI:

https://doi.org/10.26043/GISo.2022.5.3

Schlagworte:

Fürsorgerische Zwangsmassnahmen, Fremdplatzierungen, Schweiz, Aufarbeitung, intergenerationale Sozialisation, interpretative Sozialforschung

Abstract

Der vorliegende Beitrag handelt davon, wie die politisch-gesellschaftliche Aufarbeitung fürsorgerischer Zwangsmassnahmen (FSZM) den familialen Umgang mit der Geschichte der Eltern veränderte. Dazu wurden sechs biografische Interviews mit Nachkommen Betroffener im Hinblick auf Sozialisationserfahrungen mittels der Grounded-Theory-Methodologie (GTM) analysiert. Die Ergebnisse zeigen zum einen, dass die politisch-gesellschaftliche Aufarbeitung Prozesse der Enttabuisierung der elterlichen Geschichte in Familien anstiess, die auch emotionale Annäherungen zwischen Nachkommen und betroffenen Elternteilen ermöglichte. Sie eröffnete aber auch neue familiale Spannungsfelder, die um die Frage der Betroffenheit des Elternteils kreisten und sich in neuen Konstellationen des Schweigens niederschlugen. Zum anderen wird deutlich, dass die politisch-gesellschaftliche Aufarbeitung zu bedeutungsvollen persönlichen Klärungen und neuen Deutungen bezüglich erlebter elterlicher Verhaltensweisen und intergenerationalen Weitergaben führte. Insgesamt vermag die politisch-gesellschaftliche Aufarbeitung gewisse persönliche und familiale Belastungen aufzulösen, gleichzeitig bringt sie aber auch neue hervor.

Autor*innenbiografien

Nadine Gautschi, Berner Fachhochschule

Nadine Gautschi promoviert am bildungswissenschaftlichen Institut der Universität Basel und ist als Doktorandin im Forschungsprojekt «Von Generation zu Generation: Familiennarrative im Kontext von Fürsorge und Zwang» an der Berner Fachhochschule am Departement Soziale Arbeit angestellt. In ihrer Forschung interessiert sie sich für Auswirkungen historisch bedingter sozialer und politischer Benachteiligung auf soziale Gruppen.

Andrea Abraham, Berner Fachhochschule

Andrea Abraham ist promovierte Dozentin an der Berner Fachhochschule Soziale Arbeit und assoziierte Forscherin am Institut für Sozialanthropologie der Universität Bern. Zu ihren aktuellen Forschungsinteressen gehören biografisch belastete Familien und Kinder, Fremdplatzierung und Kindesschutz. Sie leitet das NFP76 Forschungsprojekt «Von Generation zu Generation: Familiennarrative im Kontext von Fürsorge und Zwang».

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Veröffentlicht

2022-05-20

Zitationsvorschlag

Gautschi, N./Abraham, A. (2022): Sprechen, Schweigen, (Um)deuten – Wie die politisch-gesellschaftliche Aufarbeitung fürsorgerischer Zwangsmassnahmen in der Schweiz den Umgang mit der elterlichen Geschichte verändert: Eine qualitative Studie mit Nachkommen Betroffener. In: Gesellschaft – Individuum – Sozialisation. Zeitschrift für Sozialisationsforschung, 3 (1). doi:10.26043/GISo.2022.5.3.

Ausgabe

Rubrik

Wissenschaftliche Beiträge zum Themenschwerpunkt