STRAFEN UND SOZIALISATION – ANALYSEN UND DEBATTEN ZUR BEDEUTUNG PUNITIVER EINGRIFFE IN DEN PROZESS DES MITGLIEDWERDENS IN GESELLSCHAFT

Johanna Pangritz und Andreas Zick

Das Prinzip Strafe und der Eingriff durch Strafen sind ubiquitäre und universale Konzepte und Praxen der Sozialisation. Der Prozess der Sozialisation in Gesellschaft, Familie wie auch der Schule ist von Strafe geprägt. Historisch wandelt sich dabei die Auffassung von Strafe wie auch die Erziehungs- und Sozialisationspraktiken des Strafens, und beide werden in Gegenwartsgesellschaften höchst konfliktär und polarisiert diskutiert. Wie Strafe erfolgt und was sie bezwecken soll, lässt dabei die gesellschaftlichen Ordnungen, den Zeitgeist wie Ideologien und Menschenbilder erkennen. Zentral ist in der Moderne wie auch in gegenwärtigen autoritären Erziehungsmodellen das Konzept der Punitivität, also die Bereitschaft und das Motiv, Abweichungen hart zu sanktionieren. Es prägt kriminologische Konzepte wie aber auch den sogenannten „punitive turn“ in der Sozialen Arbeit und konservative Vorstellungen von Erziehung und Bildung. Angesichts eines möglichen neuerlichen Aufschwungs infolge populistischer und revenchistischer Politiken wirft der Themenschwerpunkt einen Blick auf aktuelle Auseinandersetzungen und regt zur Diskussion an. Er stellt die Frage danach, wo und wie Strafen gegenwärtig im Sozialisationsprozess von Relevanz sind und welche Ambivalenzen und Kontroversen sich hieraus ergeben. Dazu setzt das Heft verschiedene erziehungswissenschaftliche Fokusse.

Strafen zum Guten oder zur Zementierung von Machtverhältnissen? Einführung in das Themenheft

Die strukturelle Gestaltung von Sozialisationsinstanzen, die Handlungsorientierungen der Sozialisationsagent*innen sowie der damit zusammenhängende Sozialisationsprozess sind kontinuierlich durch Konzepte, Praxen und Orientierungen der Strafe geprägt. Was im Behaviorismus als Konditionierungsprinzip als scheinbar normativ neutrales Lernprinzip bezeichnet wird, kann sich aus Sicht von Sozialisand*innen als Zwang, Kontrolle und Eingrenzung gestalten und erfahren werden. Bestrafung kann zum Unterdrückungsinstrument werden. Punitivität zeigt sich als eine Strafbereitschaft (Wacquant 2009), die eine regelrechte Straflust bei jenen ausformen kann, die Kontrolle ausüben möchten. Die Kriminologie beschäftigt sich schon länger mit dem Konzept, die Sozialisationsforschung erst nach der breiten Diskussion eines sogenannten „punitive turn“ in der Sozialen Arbeit (Kessl 2011). Dieser wurde festgestellt als empirische Studien sichtbar machten, wie sehr die Kriminalpolitik zunehmend von Strafkonzepten dominiert wurde, die auf Feindseligkeit gegen jene, die bestraft werden sollen, beruhten, und wie sehr resozialisierende Maßnahmen vernachlässigt wurden.

Dabei scheinen und sind nicht alle Strafen illegitim. Das Recht sieht Strafe vor und gesellschaftliche Normen innerhalb der Erziehung werden nicht nur durch Bestärkung oder Aufklärung, sondern durch Strafe vermittelt. Sozialisationsinstanzen wie die Familie, aber auch Bildungseinrichtungen wie die Schule, zeigen sich als Orte, an denen Erziehung und Bildung mit Hilfe von Strafe vollzogen werden und so zu einer Fortschreibung und Aufrechterhaltung dieses Systems beitragen. Umso zentraler stellt sich die Frage: Wie viel Strafe ist legitim, gerecht, zumutbar, sinnvoll wie verhandelbar und von welcher Strafe ist die Rede, wenn es um die Sozialisation geht? Das Konzept von Strafe erzählt jenseits aller empirischen Realität, ihrer Motive und Wirkungen auch etwas vom Zustand und der gewünschten Ordnung von Gesellschaft. Richter (2018) konnte aufzeigen, dass die Verhandlung von Strafen in pädagogischen Klassikern wie Rousseau oder Campe mit Annahmen über Kindheit verbunden sind. Werden Kinder als von Grund auf böse und verdorben gedacht, so werden Strafen als legitimes Mittel gedacht, diese Eigenschaften zu bekämpfen. Im Gegensatz dazu verlieren Strafen an Bedeutung, sobald Kinder als gut interpretiert werden.

Strafen kann aus Sicht der Sozialisationsforschung als Mechanismus verstanden werden, über den Ausschlüsse und soziale Ungleichheit und Ungleichwertigkeit hergestellt wird. Die vielen schon lange vorhandenen Studien zum Zusammenhang von Autoritarismus und Menschenfeindlichkeit wiesen darauf hin, dass punitive Orientierungen, die im Autoritarismus und anderen Einstellungen zum Ausdruck kommen, mit Vorurteilen, Rassismus und Diskriminierungs- wie Exklusionsabsichten einhergehen und sich gegenseitig bedingen (beispielsweise Mansel 2004; Zick et al. 2011; Pangritz/Berghan 2020). Der gegenwärtige Rechtspopulismus und Rechtsextremismus haben dies auf der Grundlage völkischer Gesellschaftsvorstellungen verstärkt und geradezu zu einem politischen Programm werden lassen. Das hat sich zugleich in der Mitte der Gesellschaft normalisiert, wie die punitiv aufgeheizten Debatten über Migration und vor allem Straftaten von Menschen mit Migrationsgeschichte wie auch Jugendlichen zeigen. Strafen werden zum Werkzeug der Abgrenzung und die mit dem Punitivitätskonzept vermittelte Abwertung erzeugt Deklassierung wie Exklusion statt den in Demokratien mit dem Strafen verbundenen Prozess des Lernens, der Resozialisierung und Inklusion in Gang setzt.

Es sollte deutlich werden, wie sehr sich nicht nur angesichts dieser Beobachtungen Analysen zum Zusammenhang von Strafen und Sozialisation lohnen können und auch fehlen. Es gibt viele Ausdrucksformen und Folgen von Strafen, die in der Forschung jenseits aller erziehungs-, sozialisations- und kriminalwissenschaftlichen Analysen noch unentdeckt sind. Ignoranz, Missachtung oder emotionale Kälte können ebenfalls Anzeichen oder Symbole für Strafe(n) sein. Ebenso sind die genauen Wirkungen von Strafen und Sozialisation in demokratisch orientierten Gesellschaften wie der BRD noch nicht hinreichend und systematisch analysiert worden (vgl. auch Gräber 2023). Eine Strafforschung im Rahmen der Sozialisationsforschung hat sich nicht etabliert. Das vorliegende Themenheft kann nicht auf eine systematische Forschung rekurrieren, umso mehr kann es Impulse geben und die Diskussion zum Zusammenhang von Strafen und Sozialisation anregen. Es bietet unterschiedliche Teile eines Puzzles, welches ein Bild schaffen kann. Der Aufschwung autoritärer Ideologien und Systeme erscheint uns hinreichend Motivation, diese Ideen zugänglich zu machen; schließlich ist auch das, was in autoritären Systemen als Zuneigung und Beitrag zur Entwicklung propagiert wird, oft nur Unterdrückung.

Beginnen soll das Schwerpunktheft mit einem Blick auf die historisch bekannteste Strafinstanz: das Gefängnis bzw. eben die Strafanstalt. Tamara Freis analysiert kritisch aus einer theorieangeleiteten Perspektive die Organisation des Gefängnisses als Sozialisationsinstanz. Anhand einer Fallstudie zum Gefangenenlager des Guantanamo Bay verfolgt sie die These, dass das Gefängnis als päda- und andragogische Organisation verstanden werden kann. Sie zeigt, dass der Doppelanspruch aus Normalisierungs- und Straffunktion in der Hauptfunktion der Abschreckung mündet.

Der zweite Beitrag von Linda Schumilas wendet den Blick auf die Sozialisand:innen, die im Rahmen von Strafverfahren re-sozialisiert werden sollen. Sie nimmt Jugendliche als Sexualstraftäter in den Blick und analysiert anhand qualitativer Interviews, wie die Jugendlichen die Maßnahmen der Sozialen Arbeit erleben. Dabei fokussiert sie besonders die strafenden Momente in diesen Settings und stellt heraus, dass der erfolgte sexuelle Übergriff von den Jugendlichen oftmals eine positive Umdeutung erfährt.

Menschen mit Migrationsgeschichte stehen in den öffentlichen Diskursen über Kriminalität und Gewalt im Verdacht und Rufe nach härteren Strafen fokussieren politisch, gesellschaftlich wie medial auf sie. Zeynep Demir greift in ihrem Beitrag auf die empirische Beobachtung zurück, dass Strafeinstellungen und die Tendenz zu Abwertung miteinander verknüpft sind. Um diesen empirischen Befund zu vertiefen, wertet sie ein Gruppeninterview mit zwei Männern mit türkischer Migrationsgeschichte aus, um die Bestrafung der Anderen zu veranschaulichen.

Mit Hilfe eines systematischen Literaturreviews nehmen Fine-Marie Schaffrath und Karsten Krauskopf eine weitere Perspektive im Strafkontext ein, indem sie auf die nahen Angehörigen von Strafgefangenen fokussieren. Der Beitrag verweist darauf, dass sich in unterschiedlichen Bereichen wie Gesundheit oder dem sozialen Umfeld Nachteile für die Angehörigen zeigen. Jedoch stellen sie ebenfalls heraus, dass Bildung als mögliche Schutzvariable vor solchen negativen Folgen verhandelt werden kann.

Abschließend widmet sich Andreas Marx in einer Art Debattenbeitrag der Einführung der Schulpflicht, die dieses Jahr ihr 200. jähriges Jubiläum feiert. Dabei analysiert er den historischen Wandel der Sozialisationsinstanz Schule, indem er die Bedeutung von Strafe in den unterschiedlichen Zeitspannen herausarbeitet. Marx greift mit einem eigenen kritischen Blick historische Positionen und Diskussionen auf und versucht auf der Grundlage einer Agenda, die Relevanz für die heutige Zeit neu zu adjustieren.

Zudem beinhaltet das Schwerpunktheft noch zwei Diskussionsbeiträge, die gesellschaftliche Debatte aufgreifen und entlang der Verschränkung von Sozialisation und Strafe diskutieren: Lea Dittrich widmet sich in ihrem Diskussionsbeitrag dem politischen Aktivismus der Letzten Generation und diskutiert diesen mit Bezug auf sozialisationstheoretische Aspekte. Dabei stellt sie auch die Fragen, mit welchen Repressionen Aktivist*innen aktuell konfrontiert sind und wann politischer Aktivismus zum gesellschaftlichen Ausschluss führt.

Nils Zimmer betrachtet die Neuköllner Silvesternacht von 2022/23 genauer und arbeitet die sozialräumliche Bedeutung innerhalb der anschließenden politischen sowie öffentlich-medialen Debatten heraus, die eine Verschränkung von rassistischen Argumentationen und eine Tendenz zu mehr Recht und Ordnung erkennen lassen.

Bevor Sie sich über die Beiträge in die facettenreiche, zum Teil verstörende wie sich immer wieder verdeckende Welt der Punivität bewegen, möchten wir uns zuerst besonders bedanken. Dieses Heft wäre nicht zustande gekommen ohne die Unterstützung der Reviewer*innen. Ihnen gilt ein großer Dank für ihre sorgsame wie kluge Sicht, die deutlich zu einer Verbesserung des Schwerpunktheftes beigetragen hat.

Und ohne die Geduld des Herausgeber*innen-Teams der Zeitschrift „Gesellschaft –Individuum – Sozialisation. Zeitschrift für Sozialisationsforschung“ (GISo) gäbe es am Ende diese Heft nicht. Wir brauchten aufgrund der von uns erzeugten Verzögerungen viel Geduld, die sie uns geschenkt haben – ohne Strafandrohungen, sondern mit Bekräftigungen. Es geht auch anders und auch dies können die Beiträge zeigen.

Literatur

Gräber, Sebastian (2023): Erziehen ohne Strafen: zur Kritik der pädagogischen Strafforschung. Münster: Waxmann.

Kessl, Fabian (2011): Punitivität in der Sozialen Arbeit – von der Normalisierungs- zur Kontrollgesellschaft. In: Dollinger, Bernd/Schmidt-Semisch, Henning (Hrsg.): Gerechte Ausgrenzung? Wohlfahrtsproduktion und die neue Lust am Strafen. Wiesbaden: Springer VS, 131–143.

Mansel, Jürgen (2004): Wiederkehr autoritärer Aggression. Soziale Desintegration und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. In: Kriminologisches Journal, Beiheft, 36 (8), 105–137.

Pangritz, Johanna/Berghan, Wilhelm (2020): Punitiveness and Devaluation among Social Work Gatekeepers. In: Social Work and Society. International Online Journal, 18 (1). Online verfügbar unter: https://ejournals.bib.uni-wuppertal.de/index.php/sws/article/view/642 (02.07.2025).

Richter, Sophia (2018): Pädagogisches Strafen. Verhandlungen und Transformationen. Weinheim/Basel: Beltz Juventa.

Wacquant, Loïc (2009): Bestrafen der Armen. Zur neoliberalen Regierung der sozialen Unsicherheit. Opladen/Farmington Hills: Barbara Budrich.

Zick, Andreas/Küpper, Beate/Hövelmann, Andreas (2011): Die Abwertung der Anderen. Eine europäische Zustandsbeschreibung zu Intoleranz, Vorurteilen und Diskriminierung. Berlin: Friedrich-Ebert Stiftung.