„Es hat schon damit angefangen, dass ich mit einer Diskriminierung reingehen musste.“

Strafe als Abwertung im Migrationskontext – Makro- und Mikroaggressionen im Strafvollzug junger Migrant*innen

Autor/innen

DOI:

https://doi.org/10.26043/GISo.2025.1.3

Schlagwörter:

Diskriminierung, Mikroaggression, Makroaggression, Migration, Strafe

Abstract

Eine umfassende europäische Studie belegt, dass Abwertung nicht lediglich auf der Einstellungsebene verbleibt, sondern sich bedeutsam im individuellen Handeln manifestiert (Zick et al. 2011). So konnte ein Zusammenhang zwischen einer erhöhten Disposition zur Abwertung und der Befürwortung der Todesstrafe nachgewiesen werden (Zick et al. 2011, 117). Des Weiteren zeigen die Ergebnisse, dass „je stärker die Befragten gesellschaftliche Hierarchien legitimieren und je vehementer sie nach verschärften Strafen und Disziplin verlangen, desto ausgeprägter ihre Vorurteilsneigung ist“ (Zick et al. 2011, 174). Diese Befunde unterstreichen, dass Abwertung sich auf der Handlungsebene im Strafen widerspiegeln können, wenn „der bzw. die Bestrafte“ als Fremde*r markiert und kategorisiert wird.

Im vorliegenden Beitrag werden Ergebnisse einer explorativen, qualitativ-interpretativen Fallstudie vorgestellt, in der ein leitfadenbasiertes Gruppeninterview mit zwei Befragten mit türkischer Migrationsbiografie ausgewertet wurde, die in Nordrhein-Westfalen offene und geschlossene Haftstrafen verbüßten. Zentral ist die Frage, ob Strafe im deutschen Strafvollzug als Praxis sozialer Abwertung und Othering fungiert. Die Analyse zeigt, dass sich institutionelle Makroaggressionen (u. a. Racial Profiling, härtere Strafzumessung, systemische Etikettierung) und interaktionale Mikroaggressionen (z. B. entwertende Sprache, Willkür der Bewährungshelfer*innen, selektive Versetzung in den geschlossenen Vollzug) wechselseitig verstärken und in den Biographien der Betroffenen zu kumulativen Benachteiligungen führen. Damit liefert die Studie exemplarische Einblicke in die Mechanismen rassistischer Strafpraxis und macht zugleich deutlich, wie junge migrantische Männer permanent auf dem Bestrafungsradar der weißen Mehrheitsgesellschaft verbleiben.

Autor*innenbiografie

  • Zeynep Demir, Universität Bielefeld
    Zeynep Demir (Psychologin) arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Forschungsgruppe Sozialisation (Prof. Andreas Zick's Lab) an der Fakultät für Erziehungswissenschaft. Außerdem arbeitet sie in der Vernetzungsstelle des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (
    DeZIM-Forschungsgemeinschaft) am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Migration, Akkulturation, Diskriminierung, Rassismus und Diversität. Sie ist Co-Moderatorin des Wissenschaftspodcasts ReSearching Diversity Podcast.

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Veröffentlicht

2025-08-26

Ausgabe

Rubrik

Wissenschaftliche Beiträge zum Themenschwerpunkt

Zitationsvorschlag

Demir, Zeynep (2025): „Es hat schon damit angefangen, dass ich mit einer Diskriminierung reingehen musste.“: Strafe als Abwertung im Migrationskontext – Makro- und Mikroaggressionen im Strafvollzug junger Migrant*innen. In: Gesellschaft – Individuum – Sozialisation. Zeitschrift für Sozialisationsforschung, 6 (1). doi:10.26043/GISo.2025.1.3.