Das Stigma Neukölln
Über die Verräumlichung des Integrationsdiskurses und die Logik innerer Aufrüstung im Kontext der Silvesternacht 2022/23
DOI:
https://doi.org/10.26043/GISo.2025.1.9Schlagwörter:
Berlin-Neukölln, Jugend, territoriale Stigmatisierung, Rassismus, Moralpanik, PolizeiAbstract
In der Silvesternacht 2022/23 kam es in Berlin zu Ausschreitungen, die bundesweit für Aufsehen sorgten. Rasch rückte der Stadtteil Neukölln samt seiner jungen Bewohner:innen in den Fokus des öffentlichen Interesses. Binnen kürzester Zeit entbrannte eine Debatte, in der sich rassistische Stereotype förmlich überschlugen. Politik und Medien stilisierten den Stadtteil zum Sinnbild vermeintlich gescheiterter Integration; zugleich wurden Rufe nach verschärften polizeilichen Maßnahmen laut. Eine differenzierte Einordnung der Ereignisse sowie Diskussionen über institutionellen Rassismus, Polizeigewalt oder die Verhältnismäßigkeit staatlichen Handelns blieben weitgehend aus. Parallel wurden die Vorfälle im Berliner Wahlkampf instrumentalisiert und zur Popularisierung und Durchsetzung einer Law-and-Order-Politik genutzt, die im Folgejahr in eine massive polizeiliche Aufrüstung mündete – begleitet von medialen und politischen Narrativen, die bereits im Vorfeld neue Eskalationen heraufbeschworen. Vor diesem Hintergrund lässt sich die öffentliche Reaktion auf die Silvesternacht als klassische Form der Moralpanik deuten, in deren Verlauf bestimmte soziale Gruppen stigmatisiert und staatliche Repression sowie Aufrüstung legitimiert werden. Diese Dynamik ist kein neues Phänomen: Die Diskurse über Neukölln sind seit Jahren geprägt von der (Re-)Produktion rassistischer und stigmatisierender Bilder sowie einer systematischen Kriminalisierung der lokalen Bevölkerung.
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