DAS STIGMA NEUKÖLLN – ÜBER DIE VERRÄUMLICHUNG DES INTEGRATIONSDISKURSES UND DIE LOGIK INNERER AUFRÜSTUNG IM KONTEXT DER SILVESTERNACHT 2022/23
Nils Zimmer
In der Silvesternacht 2022/23 kam es in Berlin zu Ausschreitungen, die bundesweit für Aufsehen sorgten. Rasch rückte der Stadtteil Neukölln samt seiner jungen Bewohner:innen in den Fokus des öffentlichen Interesses. Binnen kürzester Zeit entbrannte eine Debatte, in der sich rassistische Stereotype förmlich überschlugen. Politik und Medien stilisierten den Stadtteil zum Sinnbild vermeintlich gescheiterter Integration; zugleich wurden Rufe nach verschärften polizeilichen Maßnahmen laut. Eine differenzierte Einordnung der Ereignisse sowie Diskussionen über institutionellen Rassismus, Polizeigewalt oder die Verhältnismäßigkeit staatlichen Handelns blieben weitgehend aus. Parallel wurden die Vorfälle im Berliner Wahlkampf instrumentalisiert und zur Popularisierung und Durchsetzung einer Law-and-Order-Politik genutzt, die im Folgejahr in eine massive polizeiliche Aufrüstung mündete – begleitet von medialen und politischen Narrativen, die bereits im Vorfeld neue Eskalationen heraufbeschworen. Vor diesem Hintergrund lässt sich die öffentliche Reaktion auf die Silvesternacht als klassische Form der Moralpanik deuten, in deren Verlauf bestimmte soziale Gruppen stigmatisiert und staatliche Repression sowie Aufrüstung legitimiert werden. Diese Dynamik ist kein neues Phänomen: Die Diskurse über Neukölln sind seit Jahren geprägt von der (Re-)Produktion rassistischer und stigmatisierender Bilder sowie einer systematischen Kriminalisierung der lokalen Bevölkerung.
1. Einleitung
In der Silvesternacht 2022/23 kam es in Berlin zu Ausschreitungen und Auseinandersetzungen, bei denen Einsatzkräfte von Polizei und Feuerwehr unter anderem mit Feuerwerkskörpern beschossen wurden. Die Vorfälle, die zu Sachbeschädigungen und Verletzungen führten, erregten bundesweit Aufsehen. Nicht zuletzt aufgrund der einseitigen Fokussierung auf den Berliner Bezirk Neukölln, unklarer sAngaben zur Anzahl der Festgenommenen und voreiliger Berichte über deren vermeintlichen Migrationshintergrund entbrannte eine öffentliche Debatte, in der sich rassistische Stereotype über die Neuköllner Jugend nur so überschlugen. Im Rahmen dessen wurde der Stadtteil zum Symbol für fehlgeschlagene Integration stilisiert und Forderungen nach härteren polizeilichen Maßnahmen wurden laut.
2. Öffentliche Empörung und rassistische Stigmatisierungen in Medien und Politik
Zahlreiche Zeitungen stützten sich in ihrer Berichterstattung auf vage Angaben und unbelegte Mutmaßungen über die vermeintliche Herkunft der Tatverdächtigen. Sie (re-)produzierten rassistische Narrative, in deren Verlauf nicht nur der gesamte Stadtteil verunglimpft, sondern Migration und eine als gescheitert dargestellte Integration als Ganzes problematisiert wurden. Überdies wurde in etlichen Beiträgen behauptet, Politik und Medien würden sich scheuen, Täter*innen klar zu benennen und vom Kern des Problems ablenken – etwa indem sie über Böllerverbote diskutierten. Eine bemerkenswerte Verdrehung, wenn man bedenkt, dass die reichweitenstärksten Medien des Landes genau dieses Narrativ aufgriffen, in reißerischer Manier verbreiteten und den Diskurs damit maßgeblich mitprägten.
Auch prominente Stimmen aus der Politik ließen nicht lange auf sich warten und wurden medial breit rezipiert. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Jens Spahn etwa kommentierte in einem Interview, es handle sich „eher um ungeregelte Migration, gescheiterte Integration und fehlenden Respekt vor dem Staat statt [sic] um Feuerwerk“ (Hollstein/Degenhardt 2023). Der Hamburger CDU-Abgeordnete Christoph de Vries schrieb auf Twitter, dass „wir auch über die Rolle von Personen, Phänotypus: westasiatisch, dunklerer Hauttyp sprechen [müssen]“ (Focus Online 2023). Friedrich Merz, zu diesem Zeitpunkt Bundesvorsitzender der CDU, sprach zur besten Sendezeit im ZDF über „kleine Paschas“ und über „Leute die eigentlich in Deutschland nichts zu suchen haben“ (ZDF 2023). Die FDP-Bundestagsabgeordnete Katja Adler brachte im Rahmen der Debatte auf X gar den Begriff der „kulturellen Überfremdung“ ins Spiel. Sie beklagte, dass bereits jeder entsprechende Gedanke sofort in die rechte Ecke gestellt werde und bediente sich damit nicht nur selbst einer Rhetorik, wie man sie sonst aus rechtsextremen Kreisen kennt, sondern überging auch, dass (gewalttätige) Ausschreitungen und Angriffe auf Einsatzkräfte zu Silvester in Deutschland sehr wohl beste Tradition haben. Nach deutlicher Kritik löschte sie den Tweet wenig später wieder. Passend dazu äußerte die amtierende Innenministerin Nancy Faeser (SPD), dass das Problem aus ihrer Sicht „gewaltbereite Integrationsverweigerer“ seien, konkret „bestimmte junge Männer mit Migrationshintergrund, die unseren Staat verachten“. Denen müsse man „mit harter Hand und klarer Sprache“ Grenzen aufzeigen (Tschirner 2023). Und auch die Neuköllner SPD, die traditionell dem rechten Flügel der Partei angehört, argumentierte im Gleichklang. Ferner seien Werteverfall und Respektlosigkeit gegenüber Einsatzkräften laut Franziska Giffey – zu jener Zeit regierende Bürgermeisterin Berlins und amtierende Bezirksbürgermeisterin Berlin-Neuköllns – auch an allen anderen Tagen sichtbar (vgl. Schakat 2023). Die Liste solcher und ähnlicher Äußerungen ließe sich um etliche Seiten weiterführen.
3. Unrechtmäßige Polizeigewalt
Bemerkenswert ist neben der rassistischen Dimension der Debatte auch, dass sie sich in weiten Teilen kaum an belastbaren Fakten orientierte. Zwar veröffentlichte die Berliner Polizei unmittelbar nach Silvester eine Pressemitteilung, in der von 159 Festnahmen in Zusammenhang mit den sogenannten Silvesterkrawallen die Rede war; Tage später wurde jedoch klargestellt, dass lediglich 37 Personen tatsächlich wegen Angriffen auf Polizei und Feuerwehr festgenommen worden waren – und zwar in verschiedenen Stadtteilen Berlins. Knapp die Hälfte der Tatverdächtigen war unter 21 Jahre alt, darunter auch Deutsche. Zu diesem Zeitpunkt befand sich der Diskurs um „fehlgeschlagene Integration“ und „kulturelle Überfremdung“ jedoch längst auf dem Höhepunkt. Dabei sah man sich neben dem offenen Rassismus eines eher konservativen und rechten Spektrums auch auf linksliberaler Seite moralisch erhoben und rief nach einem hart durchgreifenden Rechtsstaat, der auf der Straße in letzter Konsequenz mit dem Polizeiknüppel durchgesetzt wird. Das weiß die Neuköllner Jugend nur zu gut.
Randale, bewaffnete Angriffe auf Einsatzkräfte und Sachbeschädigungen in anderen Teilen der Republik kamen überdies kaum zur Sprache. Auch den jugendlichen Bewohner*innen des Stadtteils wurde – wenig überraschend – kaum Gehör geschenkt. Folglich bleiben wir in weiten Teilen auf die Darstellungen der Polizei angewiesen, wenn es um die Beurteilung und eine Einordnung der Geschehnisse dieser Nacht geht. Dabei sind in den Augen der Öffentlichkeit die Rollen klar verteilt. Debatten über institutionellen Rassismus, Polizeigewalt und die Verhältnismäßigkeit polizeilicher Maßnahmen – insbesondere mit Blick auf das Folgejahr – werden so von vorneherein erschwert, wenn nicht gar verhindert. Dabei sind zentrale Fragen bis heute ungeklärt: Etwa ob den Angriffen auf die Einsatzkräfte nicht schon Auseinandersetzungen vorausgingen. Immerhin wissen wir aus der kritischen Polizeiforschung um die (rassistische) Polizeigewalt, die Jugendliche in marginalisierten Stadtvierteln wie Neukölln regelmäßig erfahren (exemplarisch Hunold 2012; Künkel 2014, 79). Zudem zeigt eine Studie von Abdul-Rahman et al. (2020), dass unrechtmäßige Polizeigewalt in Deutschland deutlich häufiger vorkommt als bisher angenommen. 86 % der in der Studie dokumentierten Fälle wurden nie strafrechtlich verfolgt. Über 70 % der Befragten berichteten dabei von körperlichen Verletzungen infolge der Gewalterfahrung (Abdul-Rahman et al. 2020). Die Autor*innen gehen davon aus, dass das Dunkelfeld gesamtgesellschaftlich sogar noch größer ist (Abdul-Rahman et al. 2020, 81). Und zur Wahrheit gehört schließlich auch, dass lediglich eine Minderheit der festgenommenen Jugendlichen gezielt Feuerwehrleute beschoss. Die meisten Übergriffe richteten sich gegen Polizist*innen. Eine Gleichsetzung beider Institutionen – wie sie in Medien und Politik häufig erfolgt – verkennt deren unterschiedlichen gesellschaftlichen Aufgaben und Funktionen.
4. Rechte Symbolpolitik und der Ruf nach Law and Order
Bojadzijev und Celikates (2023) bezeichneten die öffentliche Debatte zurecht als „diskursive Eskalationsstrategie“, die aus ihrer Sicht „ahistorisch, selektiv und postfaktisch“ geführt wurde. Für den amtierenden Berliner Bürgermeister Kai Wegner hingegen, der sich zu dieser Zeit im Wahlkampf befand, hätte die mediale Aufmerksamkeit kaum gelegener kommen können. Statt auf Inhalte setzte die Berliner CDU auf rechte Symbolpolitik und den Ruf nach Law and Order, der ihr bei der Wiederholungswahl am 12. Februar 2023 die meisten Stimmen einbrachte. Dabei offenbart die einseitige Forderung nach strafrechtlichen Konsequenzen, dass eine umfassende Aufarbeitung der Ereignisse und ihrer gesellschaftlichen Ursachen nicht von Interesse ist. Die Vorkommnisse dieser Nacht dürfen jedoch keineswegs als isoliertes Moment betrachtet werden. Die Wut der Jugendlichen war nicht blind, wie Nancy Faeser behauptete. Sie entlud sich sehr zielgerichtet und nicht ohne Grund gegen jene, die als Repräsentant*innen der staatlichen Ordnung betrachtet werden.
Mit Blick auf die darauffolgende Silvesternacht wurden bereits im Vorfeld Schreckensszenarien konstruiert und Forderungen nach härteren polizeilichen Maßnahmen in Politik und Medien erneut laut. Das führte zu einer massiven Ausweitung der Polizeipräsenz. In Neukölln kamen Hubschrauber, Wasserwerfer, Räumpanzer und Spürhunde zum Einsatz. Ganze Straßenabschnitte wurden mit Absperrgittern gesichert, Personen beim Überqueren kontrolliert, der Nahverkehr wurde eingestellt oder umgeleitet und Böllerverbotszonen wurden eingerichtet. Ergänzt wurden die Maßnahmen durch eine rechtlich umstrittene Ausweitung des Unterbindungsgewahrsams, die es ermöglicht, Personen präventiv für bis zu fünf Tage festzuhalten. Zudem wurden sogenannte Gefährderansprachen durchgeführt, die sich allerdings vornehmlich an Personen aus dem linken politischen Spektrum richteten oder an Personen, die in der Vergangenheit an pro-palästinensischen Demonstrationen teilgenommen hatten – mitunter also gar keinen direkten Bezug zu den Vorfällen der vorangegangenen Silvesternacht aufwiesen.
Zwar behauptete Wegner kurz vor Silvester, man habe in diesem Jahr viel für die Prävention getan. De facto wurde die Finanzierung sozialer Bereiche in Neukölln unter seiner Regierung jedoch massiv heruntergeschraubt. Allein im Bereich der Jugendarbeit waren Kürzungen von bis zu einem Fünftel aller Gelder geplant, darunter die Schließung mehrerer Einrichtungen und der Wegfall präventiver Angebote. Zwar konnten einige der Spaßmaßnahmen durch öffentlichen Protest abgewendet werden, dennoch mussten viele Träger mit deutlich weniger Mitteln arbeiten. Konkret hat das eingeschränkte Angebote, eine wachsende Unsicherheit und eine weitere Verschärfung der Arbeitsbedingungen von Mitarbeiter*innen zur Folge, die ohnehin schon an ihren Belastungsgrenzen arbeiten. Darüber hinaus äußerte Wegner: „Und heute ist die Nacht, wenn’s denn notwendig ist, die Nacht der Repression“ (Zeit Online 2023). Damit sprang er dem innenpolitischen Sprecher der Berliner CDU-Fraktion, Burkhard Dregger, zur Seite, der bereits kurz zuvor forderte, dass sich die Polizei bei „Pyroexzessen, Angriffen und Gefährdungen von Einsatzkräften, Unbeteiligten oder Eigentum“ nicht scheuen solle, Schlagstöcke und Reizgas einzusetzen (Zeller 2023). Interessant an dieser Äußerung ist auch, dass der Gefährdung von Eigentum offenbar mit derselben Härte begegnet werden soll wie der Gefährdung von (Zivil-)Personen. Der Justizminister Marco Buschmann (FDP) plädierte im Vorfeld gar für den Einsatz von Tasern (vgl. tagesschau.de 2023). Und die Berliner Polizeipräsidentin Barbara Slowik kündigte „den größten Polizeieinsatz an Silvester der letzten Jahrzehnte“ (tagesschau.de 2023) an – auch wegen des sogenannten Nahostkonflikts, der die Stimmung weiter anheizen würde (tagesschau.de 2023). Damit wurde einmal mehr der gesamte Bezirk unter Generalverdacht gestellt und das Narrativ gewalttätiger und gefährlicher Jugendlicher bereits im Vorfeld gesetzt. Tatsächlich blieben die von Politik, Polizei und Medien heraufbeschworenen Ausschreitungen aus.
5. Eine beispielhafte Moralpanik
Die Reaktionen auf die Silvesternacht lassen sich als klassische Form von Moralpanik bezeichnen. Das Konzept der Moralpanik geht ursprünglich auf Cohen (1972) zurück und beschreibt übersteigerte medial-politische Reaktionen auf bestimmte Ereignisse, bei der soziale Gruppen als Bedrohung für die gesellschaftliche Ordnung konstruiert und stigmatisiert werden. Hall et al. (1978) entwickelten das Konzept einige Jahre später in ihrem Werk Policing the Crisis weiter. Darin legen die Autor*innen dar, wie die Instrumentalisierung sogenannter Moralpaniken einerseits zur Entpolitisierung sozialer Konflikte und andererseits zur Legitimation staatlicher Aufrüstung und Repression beiträgt – und damit zur Aufrechterhaltung kapitalistischer Ordnungen. Dabei analysieren sie insbesondere das Zusammenspiel von Medien, Rassismus und staatlicher Machtausübung. Demnach verbergen sich hinter Moralpaniken immer bestimmte strategische Nutzen (vgl. Huke 2019, 71 f.). Huke (2019, 71) hält zudem fest: „Das Konzept der Moralpanik ermöglicht […] ein akteurszentriertes und prozessorientiertes Verständnis von Diskursverläufen.“ Mit Blick auf die im Zuge dessen stattfindenden Othering-Prozesse und die Kriminalisierung sozialer Gruppen führt er weiter aus: „Die Gruppen existieren somit nicht vordiskursiv, sondern werden erst im Zuge der Moralpanik als Gruppe konstituiert“ (Huke 2019, 71) – und dabei homogenisiert. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass sich solche Berichte nicht in eine Kontinuität rassistischer Stigmatisierungen einbetten ließen (vgl. Huke 2019, 72).
6. Hegemoniale Diskurse über Neukölln
Dass sich die mediale und politische Auseinandersetzung mit den Ereignissen der Silvesternacht so rasant zu einer wahrhaften Moralpanik entwickeln konnte, liegt auch daran, dass sich die Diskurse über den Stadtteil schon seit vielen Jahren durch eine (Re-)Produktion rassistischer und stigmatisierender Darstellungen auszeichnen. In diesem Zusammenhang ist zumeist von Neukölln als „Brennpunkt“ oder „Problembezirk“ die Rede und von „Parallelgesellschaften“, die sich dort ausgebildet hätten (vgl. u. a. Friedrich 2017). Angesichts des Umstandes, dass Neukölln im bürgerlichen Diskurs vor allem für Migration steht, kann von einer Verräumlichung des Integrationsdiskurses gesprochen werden, die sich letztlich auf zweierlei Maßstabsebenen bemerkbar macht: einerseits im konkreten Alltag der Bewohner*innen, andererseits als (diskursive) Projektionsfläche für alle prekarisierten, migrantisch geprägten Gegenden, die in jeder größeren Stadt existieren. So wird die Debatte ausgeweitet und aus einer Handvoll böllerwerfender und mit Schreckschuss hantierender Jugendlicher ein grundlegendes „Migrationsproblem“ gemacht, über das bundesweit diskutiert wird. Das hat weitreichende Konsequenzen für die Bewohner*innen. Dazu zählen neben umfassenden Benachteiligungen im Alltag und behördlicher Willkür besonders repressive Begegnungen mit der Polizei (vgl. Belina 2017; Wacquant 2008/2018), die auch im Falle Neuköllns schon lange vor der Silvesternacht 2022/23 zum Alltag vieler (junger) Bewohner*innen gehörten. Dies geschah in den vergangenen Jahren unter anderem unter dem Vorwand des sogenannten „Kampfes gegen Clankriminalität“, in dessen Rahmen zahlreiche Razzien in Shisha-Bars durchgeführt wurden und der bis heute zu einer massiven Kriminalisierung führt (vgl. u. a. Jawabreh 2023, 209 ff.).
7. Schlussfolgerungen
Die Instrumentalisierung selektiver Ereignisse, einseitige Fokussierungen sowie unpräzise, verzerrende und falsche Darstellungen durch Polizei und Politik dienen der Konstruktion von Bedrohungslagen, durch die sich die innere Aufrüstung und eine Ausweitung polizeilicher Befugnisse legitimieren lassen. Sie sind Ausdruck eines sich verschärfenden Autoritarismus, der verstärkt auf Zwang und Gewalt setzt (vgl. Fisahn 2024). Zugleich begünstigen solche Maßnahmen (politische) Entwicklungen wie Gentrifizierung und Verdrängung (vgl. Amira/Schulz 2022) und haben damit konkrete materielle Auswirkungen für die Bewohner*innen der betroffenen Viertel. In den Diskussionen über Neukölln und die Silvesternacht 2022/23 spitzen sich übergeordnete Diskurse zu Migration, Sicherheit, Jugend und Armut zu. Diese Debatten haben reale Konsequenzen. Nicht nur stehen sie in direkter Wechselwirkung mit einer zunehmend regressiven Asyl-, Migrations- und Abschiebepolitik. Auch legitimieren sie staatliche Zugriffe auf die Bevölkerung. Die dafür notwendigen Rechtfertigungen entstehen durch diskursive Eskalationsstrategien, die auf eine Entpolitisierung sozialer Konflikte, die Kriminalisierung sozialer Gruppen und die Rassifizierung von Gewalt setzen. Auf diese Weise wird nicht nur staatliche Repression gerechtfertigt, sondern auch die soziale Spaltung stabilisiert – mit Folgen, die weit über die Ereignisse dieser Nacht und die Grenzen des Stadtteils hinausgehen und die vor allem für Menschen, die direkt davon betroffen sind, ein zutiefst bedrohliches Ausmaß annehmen.
Literatur
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Amira, Melly/Schulz, Jorinde (2022): Rassistische Razzien. Wie Neuköllner Null-Toleranz Verdrängung fördert. In: Bürgerrechte & Polizei/CILIP, 129, 49–57.
Belina, Bernd (2017): Raum. Zu den Grundlagen eines historisch-geografischen Materialismus. Münster: Westfälisches Dampfboot.
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