MEHR ALS „PROBLEMKINDER“? – PFLEGEKINDER IM ÖFFENTLICHEN DISKURS

Alex Knoll und Linda Bürki

1. Einleitung

In einem 2015 erschienen Zeitungsartikel wird von einer Fachperson der Pflegekinderhilfe die schlechte Datenlage zu Pflegekindern in der Schweiz kritisiert: „Wir haben in diesem Land jede einzelne Kuh registriert. Gleichzeitig wissen wir nicht, wie viele und wie lange Kinder in Heimen oder Pflegefamilien betreut werden – das ist unsäglich“ (OaS 8.2.2015)[1]. Die Analogie spricht primär die symbolische Dimension an: dass die Pflegekinderhilfe im Vergleich eher stiefmütterlich behandelt wird. Dies mag sich teilweise mit der föderalistischen Organisation dieses Bereichs der Kinder- und Jugendhilfe erklären. Folgenreiche Tatsache bleibt aber: Was in anderen Nationalstaaten längst Standard ist, eine nationale Statistik zu Pflegekindern, fehlt bisher in der Schweiz.[2]

Analog zur behördlichen Statistik, welche nur wenig Informationen zu Pflegekindern Preis gibt, verhält es sich mit dem Wissensstand zur öffentlichen Wahrnehmung von Pflegekindern. Zwar gibt es mittlerweile ein wachsendens Forschungskorpus zur Pflegekinderhilfe in der Schweiz, welches in neuster Zeit den Blick zunehmend auch auf Pflegekinder und die Forderung nach Partizipation richtet. Und auch deren Akteur*innenstatus und agency wird fokussiert, etwa aus der Perspektive der Kindheitsforschung. Jedoch gibt es bisher kaum Erkenntnisse dazu, wie Pflegekinder in Medien dargestellt und welche Eigenschaften ihnen zugesprochen werden oder wie über die Frage ihrer Partizipation öffentlich diskutiert wird – während sich in angelsächsischen Ländern zumindest einzelne Untersuchungen dazu verzeichnen lassen (siehe Kap. 2).

Diese Frage ist jedoch nicht nur als wissenschaftliche Forschungslücke relevant: Bestehende Erkenntnisse legen nahe, dass die öffentliche Wahrnehmung von Pflegekindern in einem Zusammenhang steht mit dem System und der Funktionsweise der Pflegekinderhilfe sowie mit dem Handeln von darin beteiligten Akteur*innen. Die Art und Weise, wie Menschen und Ereignisse in den Medien dargestellt werden, hat Einfluss darauf, wie Medien-Rezipient*innen sie wahrnehmen und beurteilen (Deitz/Burns 2022). Insbesondere negative Darstellungen von Pflegekindern prägen das öffentliche Denken und Handeln (Busso et al. 2018). Auch Sozialarbeitende werden in ihrem professionellen Handeln von der Medienberichterstattung beeinflusst (Yelderman et al. 2022).

Aus der beschriebenen Forschungslücke sowie dem Zusammenhang von öffentlicher Wahrnehmung und Auswirkungen auf die Pflegekinderhilfe ergibt sich eine forschungsbezogene und handlungspraktische Relevanz, an die der vorliegende Beitrag anknüpft. Folgende Fragestellungen werden bearbeitet: Wie werden Pflegekinder im öffentlichen Diskurs dargestellt? In welche Narrative sind diese Darstellungen eingebunden? Welchen Stellenwert nimmt Partiziation in den Darstellungen ein?

2. Theoretische Grundlagen und Forschungsstand

Die Frage nach der öffentlichen Darstellung von Pflegekindern öffnet ein weites Feld von Bedeutungsdimensionen, welche unterschiedliche Bezugnahmen notwendig machen. Zunächst lassen sich eine formalsprachliche und eine semantische Ebene unterscheiden: Pflegekinder können einerseits grammatikalisch als Subjekte oder Objekte in Erscheinung treten und andererseits mit verschiedenen Bedeutungen assoziiert werden. Kinder in Pflegeverhältnissen wurden in der Vergangenheit gemeinhin als Objekte betrachtet und mit dem stark objektivierenden Begriff der „Verdingung“ assoziiert (z. B. Gabriel 2023, 2). Dies manifestierte sich namentlich bei sogenannten „Verdingkindern“, welche in der Schweiz bis in die 1960er-Jahre unter schwierigsten Bedingungen oft auf Bauernhöfen untergebracht und zu Arbeit gezwungen wurden (Lischer 2013). Auch der gebräuchliche Begriff der „Fremdplatzierung“ deutet auf eine Objektivierung hin (Werner 2019, 15). „Platzierung“ bestimmt eine betroffene Person zudem als passiv, unbeteiligt und ohne Einfluss auf Prozess oder Entscheidung (Rein 2019, 175). Diese Begrifflichkeiten und deren Verwendungsweisen werden primär einer rechtlichen Sprechweise zugeschrieben, teilweise aber auch der Pflegekinderforschung (Abraham et al. 2020). Dieser wird zugleich aber auch attestiert, Pflegekindern einen Status als Subjekte und Akteur*innen zuzuweisen (Werner 2019).

Mit Bezug auf die sozialwissenschaftliche Kindheitsforschung lässt sich dem Bild des passiven Kindes das Kind als Akteur*in entgegensetzen, welches aktiv an der Gestaltung seiner Umwelt beteiligt ist (Alanen 2005; Hengst/Zeiher 2005). Die Rede vom Kind als Akteur*in ist als analytisch sensibilisierender Begriff zu verstehen, welcher die Frage des Beitrags von Kindern zu ihrer Umwelt in den Blick rückt und empirisch analysierbar macht (Knoll/Becker 2023). Damit verbunden ist das Konzept der agency des Kindes, also seiner Handlungsfähigkeit oder  macht (z. B. James/Prout 1990; James 2009). Agency adressiert die Frage, wie Akteur*innen auf unterschiedliche Situationen reagieren und damit ihre soziale Umwelt beeinflussen (Biesta/Tedder 2006). Handlungsfähigkeit wird aus dieser Perspektive nicht als natürliche Eigenschaft verstanden, sondern als etwas, das sozial produziert und zugeschrieben wird und abhängig ist von sozialen Bedingungen (Biesta/Tedder 2006).

Auch das Konzept der Partizipation stellt sowohl Prämisse als auch Analysebegriff dar. Einerseits ist Partizipation von Kindern ein Grundrecht (UNICEF 1989); sie beinhaltet nicht nur, Kindern eine Stimme zu geben, sondern auch ein zuhörendes Publikum anzubieten, angemessenen Raum für Partizipation zu schaffen und sicherzustellen, dass die Partizipation nicht ohne Einfluss bleibt (Lundy 2007). Dabei sind u. a. Beteiligung, Mitwirkung, Einbeziehung und Mitbestimmung als Bestandteile von Partizipation zu verstehen (Eberitzsch et al. 2023). In Bezug auf Pflegekinder bedeutet Partizipation insbesondere den Einbezug in für sie relevante Entscheidungen, aber auch in der alltäglichen Lebensführung und in Krisensituationen (Arn et al. 2024). Die Frage der Partizipation hat Auswirkungen auf das Wohlbefinden und die Entwicklung von Pflegekindern (Reimer 2023). Empirisch-analytisch stellt sich andererseits die Frage, welcher Stellenwert der Partizipation von Pflegekindern im öffentlichen Diskurs zugestanden wird.

In Bezug auf den Forschungsstand lässt sich konstatieren, dass empirische Studien zur öffentlichen Wahrnehmung von Pflegefamilien und Pflegekindern bisher dünn gesät sind. Auffällig ist der durchgehende Befund einer negativen Wahrnehmung der Pflegekinderhilfe, welcher sich ortsunabhängig zeigt (GB: Busso et al. 2018; AUS: Deitz/Burns 2022; USA: Sims 2018; Ponciano 2023). Pflegekinder werden etwa als „lost children“ oder „damaged goods“ dargestellt (Riggs et al. 2009, 234). In einer australischen Studie ist die negativ konnotierte Portraitierung von Pflegekindern in Mainstreammedien bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgbar, wobei sie seither mit stereotypisierender Berichterstattung und stigmatisierenden Effekten für Betroffene einhergeht (Deitz/Burns 2022). Eine tief verwurzelte negative Wahrnehmung der Lebensumstände von Jugendlichen in Pflegefamilien wurde auch in einer US-amerikanischen Untersuchung festgestellt, sogar bei Personen, die eigene Erfahrungen mit der Pflegekinderhilfe hatten (Ponciano 2023).In einer diskursanalytischen Studie zur medialen Darstellung von Kindern in der Schweiz zeigt sich, dass diese in Medien kaum zu Wort kommen und ihnen nur vereinzelt eine Stimme verliehen wird (Vogel Campanello/Sprecher 2023). Kinder erscheinen als Objekte, die für Interessen anderer instrumentalisiert werden, z. B. eines Kinderwunsches von Erwachsenen, oder als Objekte von Investitionen in sie. Sie stellen in den untersuchten Texten eine Last dar, gelten aber auch als Schutzbedürftige oder Hoffnungsträger*innen (Vogel Campanello/Sprecher 2023).

3. Methodologie und Datengrundlage

Methodologisch stützt sich die vorliegende Untersuchung der öffentlichen Darstellung von Pflegekindern in Mediendokumenten auf eine diskursanalytische Rahmung (Foucault 1973; Keller 2001). Die Gesamtheit von medialen Texten zum Themenfeld „Pflegekinder“ wird als Beitrag zu einem thematisch gebundenen Diskurs verstanden (Schwab-Trapp 2001). Insofern unterscheidet sich der hier verwendete, wissenssoziologische Diskursbegriff von demjenigen etwa von Foucault (1973). Innerhalb von Diskursen manifestieren sich Narrative, als Ergebnisse von diskursiven Auseinandersetzungen, Bedeutungszuschreibungen, Interpretationen und Argumentationen (Schwab-Trapp 2001; Keller 2010). Diese knüpfen an diskursive Strategien an, die darauf ausgerichtet sind, bestimmte Darstellungen und Interpretationen zu bevorzugen und so versuchen, Diskurse zu beeinflussen und ihnen Legitimität zu verleihen.

Die empirische Analyse basiert auf der Studie „Bilder der Pflegefamilie und ihre Wirkungen auf Kooperationsprozesse in der Pflegekinderhilfe“, welche von 2021 bis 2024 durchgeführt und vom Schweizerischen Nationalfonds finanziert wurde. Im Rahmen der Studie wurden rund 6ʼ000 deutsch- und französischsprachige Dokumente von Schweizer Medien von 2013 bis 2022 erfasst; ein Dokument wurde erfasst, wenn es einen der definierten Suchbegriffe enthält.[3] Diese Sammlung basiert auf den meisten Schweizer Tages-, Wochen- und Sonntagszeitungen sowie Zeitschriften und Magazinen im Print- und Online-Bereich. Daraus wurde ein für qualitative Datenanalyse nutzbares Korpus extrahiert, in dem Texte nach folgenden Kriterien selektiert wurden: Abdeckung Erscheinungszeitpunkt (2013–2022), Variation von Textlänge (kurz, mittel, lang), Sprache (dt. und frz.) und Anzahl gefundener Suchbegriffe im Text (1–54); explizit mitberücksichtigt wurden auch Texte aus der Lokalberichterstattung, Online-Quellen sowie eher links- vs. rechtsgerichteten Medien. Die Selektion folgte dem Ziel einer möglichst breiten Abdeckung von Mediendokumenten. Insgesamt besteht das Korpus, das die Basis des Analyseprozesses bildet, aus 308 Dokumenten.

Diese Dokumente wurden auf der Grundlage der grounded theory methodology (GTM) codiert (Strübing 2014) und entlang der Fragestellungen analysiert. Die Codierung folgte dem Codierschema der Grounded Theory (Corbin/Strauss 2015): Durch offenes Codieren (1) wurden zunächst datenbasiert Kategorien gebildet, während das axiale Codieren (2) dazu diente, logische und inhaltliche Beziehungen zwischen den Kategorien sequenzübergreifend zu analysieren. Gegenstand der Codierung waren Darstellungsweisen und Narrative in Bezug auf Pflegekinder; diese wurden im selektiven Codierschritt (3) zu Hauptkategorien verdichtet.[4] Zur Verfeinerung der Analyse wurde zusätzlich eine KI-gestützte Analysestrategie verfolgt: In einem iterativen dialogischen Prozess wurden Analysen mithilfe einer KI erstellt und mit denjenigen der Forschenden verglichen, die Ergebnisse selektiv angepasst und erweitert (vgl. Lieder/Schäffer 2024). Das Verfahren basiert auf reconstructive social research prompting, d. h. auf spezifischen Textinputs, mithilfe derer ein large language model (LLM) angewiesen wird, Codes und Interpretationen von empirischem Textmaterial anzufertigen (Lieder/Schäffer 2024).[5] Es nutzt dabei das LLM als Quelle von Dateninterpretation, die heuristisch, in Form von zusätzlichen Perspektiven auf das Datenmaterial, für die analytische Weiterarbeit nutzbar ist; die Kontrolle liegt dabei stets bei den Forschenden; sie entscheiden darüber, ob und wie KI-unterstützte Interpretationen in den Analyseprozess und die Ergebnisdarstellung einfliessen.

Die aus der Datenanalyse hervorgegangenen Hauptkategorien werden in den Unterkapiteln des nachfolgenden Kapitels 4 abgebildet. Der Fokus des Beitrags liegt auf zeitgenössischen Darstellungen von Pflegekindern, weshalb eine historiografische Perspektive auf „Verdingkinder“ weitgehend ausgeklammert bleibt.

4. Empirische Ergebnisse

4.1 Akteur*innenstatus von Pflegekindern

Während es eine beträchtliche Berichterstattung zu Pflegefamilien gibt, in welcher Pflegeeltern viel Raum zur Selbstdarstellung eingeräumt wird (Reimer et al. angenommen), lässt sich das bei Pflegekindern nicht feststellen. Letzteren wird in den Mediendokumenten deutlich weniger (prominent) eine Stimme verliehen, um sich und ihre Perspektive zum Ausdruck zu bringen. Pflegekinder erscheinen in der medialen Berichterstattung oft als passiv, sie werden als Personen dargestellt, die etwas erdulden, über sich ergehen lassen oder ertragen (müssen). Solche Passivdarstellungen deuten darauf hin, dass ihnen wenig eigener Handlungsspielraum und agency zugeschrieben werden. Sie erscheinen bisweilen als „Spielball“ unterschiedlicher Akteur*innen und Interessen: „Seit zwei Jahren wird sie [Pflegemädchen] zwischen Heimen und Pflegefamilien hin- und hergeschoben“ (BEO 03.10.2014). Die Entscheidungsträger*innen, welche über den Verbleib des Kindes entscheiden, umfassen Behörden, Fachpersonen, die Pflege- und allenfalls Herkunftseltern – die Pflegekinder hingegen treten diesbezüglich kaum in Erscheinung.

Grammatikalisch betrachtet kommt Pflegekindern teilweise durchaus ein Subjektstatus zu: „Als meine Mutter krank wurde und Diphtherie hatte, kam ich zu einer Pflegemutter“ (SRF 22.03.2015). Allerdings deutet die Formulierung „kam ich“ auf wenig Handlungsspielraum hin. Auch Passivkonstruktionen mit Subjektstatus sind dafür charakteristisch, beispielsweise: „Die drei Mädchen wurden zu Pflegefamilien gegeben“ (AZ 27.01.2017). Ungleich dominanter ist aber der Objektstatus von Pflegekindern: „Die Kindesschutzbehörde platzierte das Mädchen in eine Pflegefamilie“ (ZWAO 21.01.2020). Hier manifestiert sich das Sprechen über Pflegekinder, das Beschreiben und Explizieren dessen was (mit) dem Pflegekind passiert(e). Diese Darstellungsweisen gehen, im Einklang mit bisheriger Forschung (z. B. Rein 2019), nicht nur mit einer Objektivierung, sondern auch mit eingeschränkten Handlungs-, Beteiligungs- und Einflussmöglichkeiten seitens des Pflegekindes einher.

4.2 Opfer-Narrativ

Pflegekinder werden in vielen Mediendokumenten im Rahmen eines Opfer-Narrativs thematisiert. Sie werden als Opfer von Vernachlässigung, Missbrauch und Gewalt von Behörden, Sozialarbeitenden, leiblichen und Pflegeeltern dargestellt – und insofern als vernachlässigt, (potenziell) gefährdet und schutzbedürftig. Als Opfer ihrer Herkunftsfamilie erleben Pflegekinder Vernachlässigung und Misshandlung, wie beispielsweise in einem Fall, in dem ein Pflegekind mutmasslich von seinen leiblichen Eltern von der Pflegefamilie entführt wurde. Die Eltern gehören mutmasslich einer religiösen Sekte an, in der „Prügelstrafen [...] zum Alltag [gehören]“ (ZWA 19.10.2021). In einigen Mediendokumenten bilden Drogen- und insbesondere Alkoholsucht von Eltern als breites gesellschaftliches Phänomen das Kernthema des Textes: „In der Schweiz kommen jährlich bis zu 1700 Kinder mit Beeinträchtigungen zur Welt, weil die Mutter in der Schwangerschaft Alkohol getrunken hat. Selbst Fachleute unterschätzen das Ausmass. Eine Pflegemutter erzählt“ (NIW 04.02.2020). Insbesondere durch die Untermauerung mit statistischen Zahlen erhalten die Suchterkrankungen von Herkunftseltern und deren negativen Konsequenzen für ihre Kinder eine gewisse Systematik in der Berichterstattung.

Fälle, in denen Pflegekinder als Opfer ihrer Pflegeeltern, namentlich ihres Pflegevaters, in Erscheinung treten, sind dagegen fast ausschliesslich auf Berichte zu Gerichtsprozessen und damit Einzelfälle beschränkt. Insbesondere wird über Pflegeväter berichtet, die vor Gericht des Missbrauchs an ihren Pflegekindern angeklagt oder für diesen verurteilt wurden: „Dem Pflegevater ausgeliefert [Titel] [...] Ein 46-Jähriger stand vor dem Kreisgericht Rheintal, weil er drei Jahre lang ein Mädchen sexuell missbrauchte. [...] Der Mann wurde vom Gericht zu einer Freiheitsstrafe von 36 Monaten verurteilt“ (SGT 21.05.2015). Der Fokus der Berichterstattung liegt in diesen Fällen fast vollständig auf dem Täter (oder der Täterin), seiner (oder ihrer) Tat und der Strafe – und allenfalls seinen (oder ihren) Lebensumständen. Der Schutz von Pflegekindern vor potenziellem Missbrauch wird thematisch, wenn beispielsweise einem Pflegevater gerichtlich verboten wird, weiterhin Pflegekinder aufzunehmen, weil er „zweimal wegen Kinderpornographie verurteilt wurde“ (SRF 18.05.2017). Die Pflegekinder als Opfer werden demgegenüber nur kurz und marginal erwähnt. Anders stellt es sich hingegen dar, wenn es sich um ehemalige Pflegekinder handelt, die mittlerweile erwachsen sind; diesen wird ein gewisser Platz eingeräumt für die Darstellung ihrer Perspektive (z. B. ZOF 31.05.2019).

Pflegekinder treten auch als Opfer von Behörden und Fachpersonen in Erscheinung. Es werden Fälle dokumentiert, bei denen die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) kritisiert und ihr Vorgehen teilweise skandalisiert wird. Allerdings erweisen sich dabei nicht (nur) die Pflegekinder als Opfer: „Bei der behördlichen Platzierung eines Jugendlichen in einer Pflegefamilie versäumt es die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde, die Finanzierung für seine Betreuung zu regeln. Als Verliererin bleibt die Pflegemutter zurück“ (TZ 06.07.2019). Die Pflegemutter erscheint im Text als Leidtragende und eigentliches Opfer der für den Entscheid verantwortlichen Behörden. Ähnliche Fälle betreffen einen Pflegevater (NLZ 12.01.2015), Grosseltern (BLI 13.10.2014) sowie eine leibliche Mutter: „Die Behörden [...] würden ihren Verpflichtungen nicht nachkommen, stattdessen die Arbeit abschieben, zum Nachteil eines Kindes. Das sagt eine Anwältin für Familienrecht, die die Mutter in diesem Fall vertreten hat“ (OLTO 26.03.2022). Obwohl hier vordergründig die Auswirkungen auf das Kind thematisch werden, stehen die Interessen der Mutter, welche von der Anwältin vertreten wird, im Zentrum. Das Kind und seine Interessen werden instrumentalisiert für die Zwecke der juristischen Verteidigung der Mutter.

4.3 Täter*innen-Narrativ

Kommt Pflegekindern in den Darstellungen eine aktive Rolle zu, so geht dies meist mit einer impliziten oder expliziten Zuschreibung als Täter*innen einher. Dabei ist zu unterscheiden zwischen Pflegekindern, denen vor oder während ihrer Pflegefamilienunterbringung eine Straftat zugeschrieben wird, und solchen, bei denen dies erst danach der Fall ist. Im ersten Fall fungieren bestimmte Delikte als Ausgangspunkt des Aufenthalts u. a. in einer Pflegefamilie: „Junge Menschen, die bereits in frühster Jugend Delikte begehen und nicht mehr damit aufhören – womit eine Odyssee durch Erziehungsheime, Pflegefamilien, Jugendstrafanstalten beginnt“ (NZZaS 08.09.2013). Delikte, welche ehemaligen Pflegekindern angelastet werden, reichen von Fahrerflucht (BaZ 17.08.2019), versuchter Brandstiftung (BUO 05.05.2017), sexuellen Handlungen mit Kindern (BLIO 22.08.2019) bis hin zu Tötungsdelikten (Z+ 23.09.2013). Interessanterweise wird dabei kein expliziter inhaltlicher Zusammenhang hergestellt zwischen ehemaligem Pflegeverhältnis und Delikt, durch die gleichzeitige Erwähnung im jeweiligen Kontext wird jedoch eine entsprechende, kausale Lesart eröffnet.

Der Aufenthalt bei einer Pflegefamilie erscheint bisweilen als Zwischenstation auf dem Weg in eine kriminelle Karriere, wie im folgenden Beispiel, in dem ein Gericht über einen Beschuldigten „wegen seines wiederholten kriminellen Verhaltens“ zu beraten hatte (ZOF 27.07.2021):

Der Beschuldigte kam in der Schweiz zur Welt und wuchs vor allem bei Pflegefamilien und in Heimen auf. Seine Versuche, eine Lehre zu machen, scheiterten. Längere Zeit lebte er von der Sozialhilfe. Zuletzt wohnte er mit seiner Mutter zusammen und arbeitete temporär. Er hat 50ʼ000 Franken Schulden und konsumiert Kokain. (ZOF 27.07.2021)

Mit der Erwähnung des Aufenthalts bei einer Pflegefamilie manifestiert sich eine diskursive Strategie mit dem Ziel, als implizite Erklärung für das spätere Tun zu fungieren, namentlich für (mutmasslich) kriminelle Handlungen und einen als nicht erstrebenswert beschriebenen Lebensstil. Dies ist vor allem für Textpassagen in der Gerichtsberichterstattung charakteristisch, die biografische Angaben in Kurzform enthalten, in welchen auf das frühere Pflegeverhältnis Bezug genommen wird.

In einigen Fällen ist die Darstellung von Pflegekindern als Täter*innen von Skandalisierung geprägt. Dem Fall des Pflegekindes „Boris“, einem 15-jährigen Jugendlichen, der bereits im Titel als „Problemkind“ bezeichnet wird, wird in Mediendokumenten viel Aufmerksamkeit geschenkt.

[Er] hat fast seine ganze Jugend in Strafanstalten, Pflegefamilien und Psychiatrien verbracht. Die Odyssee will kein Ende nehmen. [...] kam der Junge für zwei Jahre in eine Pflegefamilie in Luzern. Auch da wurde er nicht glücklich. [...] Er blieb allein. [...]

Aus Boris, dem Problemkind, [...] ist mittlerweile ein echter Brocken geworden. Er ist über 90 Kilo schwer, weil er sich fast nicht mehr bewegt. Durch die Isolation leidet seine Sozialkompetenz zusätzlich. (BLIO 20.09.2020)

Während im Artikel unklar bleibt, weshalb er konkret geschlossen untergebracht wurde, deutet bereits der Ausdruck „Problemkind“ darauf hin, dass es sich hier um eine besonders hervorzuhebende Problematik handeln muss. Zugleich erscheint er trotz allem nicht nur als Täter und problematischer Jugendlicher, sondern auch als (potenzielles) Opfer der Umstände, in denen er lebte und lebt. Der Umstand, dass er trotz Pflegefamilie „allein“ war und dass durch fehlende Kontakte im aktuellen Anstaltsregime seine „Sozialkompetenz“ leide, verweist auf ein Spannungsfeld von Täter*innen- und Opfer-Narrativen, in welchem er positioniert wird. Diese Verschränkung der Narrative wird insbesondere in Passagen deutlich, in denen ein Pflegekind als Opfer der Umstände gerahmt wird:

Das Schicksal hat Lukas H. in seinem jungen Leben schon mehrere Tiefschläge versetzt. Der heute 19-Jährige wurde in die Zeit der offenen Drogenszene im Zürcher Platzspitz und Letten geboren. 5-jährig wurde er dann in einer Pflegefamilie platziert. […] Am Montag erschien Lukas H. vor dem Meilemer Bezirksgericht, um die Quittung für seine Einbrüche entgegenzunehmen. (ZSZ 17.10.2013)

Der Beschuldigte tritt sowohl als Verursacher von kriminellen Taten in Erscheinung, als auch als vom Schicksal Gezeichneter. Das Aufrufen von Teilen eines Opfer-Narrativs innerhalb eines übergeordneten Täter-Narrativs lässt sich als diskursive Strategie deuten, mit denen die Taten des (ehemaligen) Pflegekindes, die Gegenstand von Gerichtsprozessen sind, zumindest teilweise nachvollzieh- und erklärbar gemacht werden sollen.

4.4 Prominente und Erfolgsgeschichten

In einem Portrait über „Topmodel Tamy Glauser“ wird der Umstand, dass ihre Mutter sie als Kind zu Pflegeeltern gab, als „zurückgelassen“ bezeichnet und ausführlich thematisiert (SIO 23.10.2018). Die Protagonistin selbst macht ihrer Mutter hingegen keine Vorwürfe: „Mami, es ist schon okay. [...] Es ist gut gekommen“ (SIO 23.10.2018). Hier wird eine Geschichte von beruflichem Erfolg erzählt, welcher sich trotz der Umstände – also des Aufenthalts in der Pflegefamilie – einstellte.

Das Narrativ vom Erfolg nicht trotz, sondern wegen des Aufenthalts in einer Pflegefamilie wird hingegen im Fall eines erfolgreichen Buchautors angeführt:

Heute ist Philipp Gurt ein bekannter Bestsellerautor [...]. Und dies, obwohl er in seiner Kindheit grösstes Leid erfahren musste. In den elf verschiedenen Heimen und Pflegefamilien wurde er immer wieder eingesperrt, geschlagen und sexuell missbraucht. [...] Heute weiss Philipp Gurt, dass er zum erfolgreichen Schriftsteller wurde, gerade weil er in der Kindheit derart Unfassbares erlebte. (SF 20.05.2020)

Hier wird auf eine Formel der Abhärtung referiert, die einen stärker macht und dadurch mitverantwortlich zeichnet für beruflichen Erfolg. Umgekehrt erscheinen die Nichterfolgreichen implizit als diejenigen, die mit ihren Lebensumständen nicht gut genug zurechtkamen.

Als ambivalenter erweist sich die Darstellung der Schauspielerin Marilyn Monroe:

Als Norma Jeane Baker geboren, wuchs sie zeitweise bei Pflegefamilien auf. Trotz ihres Erfolges verbarg sich hinter einem der grössten Stars Hollywoods eine nachdenkliche und oft unglückliche Frau. Eine grosse Melancholikerin, die nach drei Fehlgeburten und drei gescheiterten Ehen schwer depressiv wurde. Mit 36 Jahren stirbt Marilyn Monroe. In der Akte steht: Suizidverdacht. (BaZO 16.11.2017)

Obwohl kein explizites Kausalverhältnis hergestellt wird, so wird doch die Lesart nahe gelegt, dass das Aufwachsein bei Pflegefamilien in einem Zusammenhang steht mit der Nachdenklichkeit, Melancholie, schweren Depression und schliesslich dem möglichen Suizid. Parallel zum individuellen beruflichen Erfolg bleibt das Pflegeverhältnis negativ behaftet und mutmasslich folgenreich für das beschwerliche Privatleben des ehemaligen Pflegekindes.

Eine bestimme Gruppe von Pflegekindern, nämlich unbegleitete minderjährige Geflüchtete (MNA), werden in Mediendokumenten ebenfalls im Rahmen von Erfolgsnarrativen dargestellt: „Der junge syrische Flüchtling Dlovan lebt seit einem Jahr bei Familie Wyss – eine Erfolgsgeschichte mit Hürden“ (BaZ 16.06.2018). Die Erfolgskomponente speist sich dabei einerseits von als positiv gerahmten Charaktereigenschaften von MNA: motiviert, wissbegierig und fleissig („‚Er saugt alles auf und lernt enorm schnell‘, sagt der Pflegevater“ [WoZ 24.12.2020]) und zugleich genügsam und anpassungsfähig („Sie teilen sich das Zimmer, auch wenn jeder ein eigenes hätte haben können“ [SOZ 13.05.2016]). Andererseits wird der Beitrag der Pflegefamilie bzw. -eltern betont: „Die jungen Pflegeeltern gaben ihm Geborgenheit“ (WoZ 24.12.2020). Artikel über jugendliche MNA, die bei Pflegefamilien leben, sind insgesamt geprägt von den Perspektiven der Pflegeeltern, während die Pflegekinder mehrheitlich Objekte des Sprechens bzw. Schreibens bleiben. Trotz dieser Einschränkungen lassen sich aber auch Ansätze von Darstellungen erkennen, die der Perspektive von MNA als Pflegekindern einen gewissen Platz einräumen und das Bild des fehlenden Subjekt- und Akteur*innenstatus von Pflegekindern damit relativieren.

4.5 Perspektiven von Pflegekindern

Über die erwähnten Darstellungen von MNA und ihren Sichtweisen hinaus, werden in vereinzelten Artikeln auch andere Pflegekinder ausführlicher portraitiert. Es handelt sich dabei um offene, meist ambivalente Darstellungen, die sich einer eindeutigen Einordnung in Opfer-, Täter*innen- oder Erfolgsnarrativen entziehen. „Alessia“, eine 15-jährige ehemalige Pflegetochter, wird sehr differenziert dargestellt. Über ihre Zeit bei der Pflegefamilie wird nüchtern beschreibend berichtet:

[Mit] der Zeit treten Uneinigkeiten zwischen Alessia und der Familie auf. Zudem hat sie etwas Mühe mit der ländlichen Umgebung, da sie eher eine städtische gewohnt ist. Schliesslich kommt sie mit ihren Pflegeeltern zum Schluss, dass es besser ist, in ein Heim zu ziehen. Seit einem halben Jahr lebt sie nun in Luzern und fühlt sich gut aufgehoben. Ihr gefällt die Betreuung, die sie im Heim erfährt, aber auch das Mass an Selbstbestimmung, welches man ihr einräumt. (LUZ 09.12.2016)

Nicht nur tritt Alessia als Akteurin in Erscheinung, die ihre Gewohnheiten und Haltungen hat, welche relevant sind für Entscheidungen, die sie betreffen. Auch wird das Leben bei der Pflegefamilie nicht im Kontext einer möglichen Erklärung für spätere Problematiken thematisiert, sondern schlicht als Teil der bisherigen Lebensgeschichte einer Jugendlichen. Der Text schliesst zwar mit dem Hinweis darauf, dass der frühe Verlust des Vaters weiterhin eine Aufgabe für Alessia bleibe, enthält sich aber einer Zukunftsprognose:

Nun versucht sie, das möglichst normale Leben eines Teenagers zu führen. Einfach ist das nicht. „Jedes Mal, wenn ich eine Familie sehe, werde ich daran erinnert, was ich verloren habe“, nennt sie ein Beispiel dafür, wie die Verarbeitung auch heute noch schwierig ist. (LUZ 09.12.2016)

Weder wird Alessia als Opfer, noch als Täterin, noch als erfolgreich präsentiert. Der Fokus wird auf das Nachvollziehen ihrer Perspektive gelegt; die evaluative Deutung von Alessias Lebensumständen und der möglichen Folgen wird den Leser*innen überlassen.

Ähnlich gelagert ist der Fall von „Lena“. Die Perspektive der Protagonistin steht vollständig im Zentrum des Textes, der diese in der Ich-Form aus ihrem jungen, aber ereignisreichen Leben erzählen lässt. Es gäbe dabei zahlreiche Gelegenheiten, die 15-jährige, die bereits Erfahrungen mit Pflegefamilien und Heimaufenthalten hat, diskursiv in einem Täterinnen-Narrativ zu verorten und ihr eine kriminelle Karriere vorauszusagen: Flucht aus verschiedenen Einrichtungen, Involvierung in tätliche Auseinandersetzungen, zahlreiche Delikte. Zugleich könnte sie auch als Opfer dastehen, von frühen Erfahrungen elterlicher Gewalt, oft wechselnden Betreuungssettings und überforderten Behörden. Der Text ist voll von entsprechenden Beschreibungen, stets aus der Perspektive von Lena:

Er [Heim-Mitbewohner] [...] war voll drauf. Die Polizei hat ihn dann abgeführt. Ich hatte einen gebrochenen Unterkiefer, bekam so einen Halskragen, hatte Schmerzen und musste wochenlang das Essen pürieren. Schon krass. Zuerst das mit meinem Vater und dann das. […]

Dann habe ich das erste Mal geklaut. Ein Parfüm im Manor [Kaufhaus]. […]

Ich habe einen Klebstreifenroller nach einer Betreuerin geworfen, so einen sandgefüllten. Aber er hat sie nur gestreift, am Kopf. Ich wollte sie gar nicht treffen. [...] Ich war sauer, weil sie mir kein Geld fürs Zugticket geben wollten. Danach durfte ich nur noch dort schlafen und musste nach dem Aufstehen aus dem Haus. (BEO 03.10.2014)

Statt der Referenz auf die üblichen Narrative wählt der Artikel einen anderen Weg, er entscheidet sich für ein ausführliches, differenziertes und ambivalentes Portrait einer Jugendlichen, die „nirgends zuhause“ ist (BEO 03.10.2014). Ihre Perspektive erzählt eine Geschichte von der langsamen Entfremdung von den Eltern, dem „zwischen Heimen und Pflegefamilien hin- und hergeschoben“ werden und damit zusammenhängenden Gefühl von Kontrollverlust und Angst, wiederholten Regelverstössen und Anpassung, und dem Hadern mit Sozialarbeitenden und Behörden, deren Entscheide schliesslich in immer weniger werdenden Optionen gipfeln: „Ich habe nur diese Wahl: diese Pflegefamilie oder in die Geschlossene. Das stresst mich so hässlich; diese Erpressung“ (BEO 03.10.2014).

Wie derjenige zu Alessia vermeidet es der Artikel zu Lena, eine zusammenfassende Qualifizierung von Erlebnissen und Handeln vorzunehmen. Weder wird Distanz zur Protagonistin aufgebaut, noch schlägt er sich auf deren Seite. Vielmehr lässt er sie selbst bilanzieren und das letzte Wort haben – mit offenem Ausgang:

Ich habe schon auch Fehler gemacht, aber der Ursprung war, dass ich geschlagen wurde und von zu Hause wegmusste. Wenn ich an einem Ort bin, wo ich hinwill und mich wohl fühle, werde ich auch nicht mehr abhauen. Aber ich habe keine Ahnung, wie ich das anstellen soll. Und das ist eigentlich das Ende der Geschichte. (BEO 03.10.2014)

Die Nichteinreihung in bestehende Kategorisierungen zugunsten einer sachlichen Darstellung der bewegten Lebensgeschichte einer Jugendlichen samt ihrer Ambivalenzen und Indeterminiertheit ist bemerkenswert. Sie stellt jedoch in der medialen Berichterstattung zu Pflegekin-dern eine Ausnahme dar.

4.6 Partizipation

Wird Partizipation von Pflegekindern explizit thematisiert und steht sie thematisch im Zentrum der Berichterstattung, kommen oft Fachpersonen als Expert*innen in Interviews ausführlich zu Wort, und die Darstellungen liegen nahe an deren Positionen und Einschätzungen. Die hohe Legitimation der Mitsprache von Pflegekindern wird mit Betroffenheit begründet: „Schliesslich sind sie ja direkt betroffen“ (SRF 22.01.2021). Die Thematisierung der Partizipation von Pflegekindern stellt Fachpersonen und Behörden als Akteur*innen im paradigmatischen Wandel dar, der darauf abzielt, Fehler der Vergangenheit zu vermeiden: „Heute weiss man, dass es für das Verständnis eines Kindes essenziell ist, dass es sich äussern kann, wenn es dies will“ (NLZ 06.01.2015). Die Forderung nach aktivem Einbezug der Kinder in Entscheidungsprozesse wird insofern als Ausdruck eines neuen Verständnisses gerahmt, das Kinder als eigenständige Akteur*innen betrachtet und ihr Recht und Bedürfnisse in den Mittelpunkt der Pflegekinderhilfe stellt.

Die Thematisierung des Einbezugs von Pflegekindern in wichtige Entscheidungen geht auch oft mit der Feststellung seines Nichtvorhandenseins einher: „Man hatte ihr [Pflegetochter] versprochen, dass sie in eine Pflegefamilie kommt [...], trotzdem wurde nichts daraus“ (LBO 24.12.2021). Einzelne Passagen thematisieren, dass Pflegekinder es vermissen, im Vorfeld von Entscheidungen, die sie betreffen, konsultiert zu werden: „[I]ch will hier nicht weg, hier ist mein Daheim, hier habe ich meine Freunde. Wieso redet niemand mit uns Pflegekindern?“ (BEOO 19.11.2021). Letzteres wird im zitierten Text zwar als „gute Frage“ qualifiziert und damit legitimiert, im weiteren Verlauf des Textes aber auch nicht weiter diskutiert. Somit zeigt sich eine Diskrepanz zwischen der Darstellung des als legitim gerahmten Rechts auf Partizipation einerseits und der Dokumentation seiner Nichtberücksichtigung andererseits.

In einem aufsehenerregenden Gerichtsfall wurde einem Vater das Sorgerecht für seine Tochter entzogen und diese durfte weiterhin bei ihrem Pflegevater leben. Bei diesem Entscheid hatte das Bundesgericht „dem klaren Willen der urteilsfähigen Tochter grosses Gewicht beigemessen“ (BLI 11.07.2018). Der Fall wurde kontrovers diskutiert: „Zählt der Wunsch der Tochter mehr als jener des Vaters?“ (BLI 11.07.2018). In einem redaktionellen Kommentar wird einerseits festgehalten, es sei „richtig, dass der Wille des Kindes so stark gewichtet wird, wie es das Bundesgericht nun gemacht hat“ (BU 11.07.2018). Andererseits wird der Entscheid kritisiert: „Im Solothurner Fall wäre es besser gewesen, dem Vater die Elternrechte zu lassen. Die Kesb hätten trotzdem veranlassen können, dass die Tochter bei der Schwester und dem Pflegevater bleiben kann. Der Obhutsentzug war nicht zwingend“ (BU 11.07.2018). Hier wird der Einbezug und die Berücksichtigung des Willens des Kindes in Opposition gebracht mit den „Elternrechten“ des Vaters, über die Belange seiner Tochter bestimmen zu können. Die Partizipationsrechte von Pflegekindern, die in einigen Texten als bedingungslos legitim gerahmt werden, erweisen sich folglich als relativ, insbesondere dann, wenn sie in der Darstellung den Rechten von Erwachsenen gegenüberstehen.

5. FAZIT UND DISKUSSION

Der Beitrag fördert vielfältige Ergebnisse zur Darstellung von Pflegekindern im öffentlichen Diskurs zutage. Es zeigt sich, dass das Bild des „Problemkindes“ allein nicht ausreicht, sondern differenzierter zu betrachten ist. Die Passivität und Objekthaftigkeit von Pflegekindern, welche auf anderen Diskursebenen festgestellt wurde (z. B. Rein 2019; Werner 2019), manifestiert sich auch im öffentlichen Diskurs. Ausführlichere Darstellungen von Pflegekindern sind oftmals von Dritten (v. a. Pflegeeltern) informiert und kontextualisiert, Pflegekinder selbst kommen selten zu Wort. Teilweise werden sie und die ihnen zugeschriebenen Bedürfnisse für die Zwecke von Erwachsenen instrumentalisiert (vgl. Vogel Campanello/Sprecher 2023), etwa in Gerichtsprozessen für die juristische Verteidigung von angeklagten Elternteilen.

Objektivierungen zeigen sich ausgeprägt in Opfer-Narrativen. Pflegekinder als Opfer darzustellen, greift auf gängige gesellschaftliche Wissensbestände zurück, welche die Darstellungen nachvollziehbar und legitim erscheinen lassen. Dabei stellt sich die Frage, ob sich die Opfer-Konnotation bloss aus dem Status des Kindes als Pflegekind speist, oder ob (im Text nicht explizit erwähnte) Vermutungen zu seinen früheren Lebensbedingungen auch eine Rolle spielen. Dass Letzterem so sein könnte, darauf weisen zumindest Textpassagen hin, welche Hinweise auf die Zeit vor der Unterbringung geben, welche zu einem Opfer-Narrativ beitragen können. In entsprechenden Mediendokumenten kommen Pflegekinder jedoch kaum aus ihrer Opferrolle heraus, sie bleiben darin verhaftet und treten kaum als widerstandsfähig oder resilient in Erscheinung. Die spezifische Relevanz der generationalen Ordnung (Bühler-Niederberger 2005), hier in Gestalt einer unterschiedlichen Positionierung von Kindern und Erwachsenen, zeigt sich im Opfer-Narrativ auf zweierlei Arten. Zum einen erhalten ehemalige Pflegekinder (als Erwachsene) einen gewissen Raum in der Berichterstattung – gegenwärtige Pflegekinder bleiben (als Kinder) dagegen meist stimmlos und treten nicht als Handelnde in Erscheinung. Die Opfer-Positionierung von Pflegekindern wird zum anderen teilweise von derjenigen von Erwachsenen überlagert, mit der Konsequenz, dass sie zusätzlich aus dem Fokus rücken. Die festgestellte Verschiebung von Pflegefamilie zu Herkunftsfamilie als Ort von systematischem Missbrauch und Vernachlässigung birgt zudem die Gefahr eines problematisierenden Bild von Herkunftsfamilien und auch, dass sich der Blick auf als kriminell dargestellte Pflegeväter als extreme Einzelfälle verengt und alltägliche Kindswohlgefährdungen aus dem Blick geraten.

Das Narrativ von Pflegekindern als Täter*innen zeigt sich ebenfalls deutlich. In diesem treten Pflegekinder, die in den Darstellungen oftmals noch andere Unterbringungserfahrungen mitbringen, ausgeprägt als Akteur*innen in Erscheinung, ihre agency wird sichtbar in Form eines Einflusses auf ihr Umfeld oder Dritte, der allerdings ausnahmslos negativ in Form von auffälligem, abweichendem Verhalten oder Delinquenz gerahmt wird. Entsprechende (ehemalige) Pflegekinder werden stark als Problemkinder gerahmt, beziehungsweise wie im Fall von „Boris“ (BLIO 20.09.2020) lassen sie sich anhand einer Kippfigur verstehen (vgl. Betz/Bischoff 2013): Er gilt einerseits als Risikokind; es besteht angesichts der „Odyssee“ von bisherigen Aufenthalten das Risiko, dass es auf Dauer keine tragfähige Lösung für ihn geben wird – also ein Risiko für ihn selbst. Zum anderen verkörpert er auch das Risiko Kind: der Verweis auf sein Übergewicht, zu wenig Bewegung sowie die „eklatanten Kosten“ seiner bisherigen Aufenthalte deuten darauf hin, dass er auch selbst als Risiko für die Gesellschaft wahrgenommen wird. Dass sich u. a. bei „Boris“ die Täter- und Opfer-Narrative verschränken, mag zwar den Einordnungsbedarf von Leser*innen adressieren, trägt aber insgesamt auch nicht zu einer positiv konnotieren öffentlichen Darstellung von Pflegekindern bei.

Im Rahmen von Erzählungen von erfolgreichen Pflegekindern werden diese sehr positiv dargestellt, als solche, die ‚es geschafft haben‘. Der Erfolg kann sich entweder trotz oder gerade wegen des Status als ehemaliges Pflegekind einstellen. Dem Umstand, dass Biografien von Pflegekindern ungleich komplexer verlaufen (vgl. z. B. Reimer 2017), werden solche Zuspitzungen kaum gerecht. Die positive Darstellungsweise steht besonders stark in Kontrast zu den angelsächsischen Studien (z. B. Ponciano 2023), wo Pflegekinder (und -eltern) negativ wahrgenommen werden. Die fast ausschliessliche Beschränkung von positiven Darstellungen auf Pflegekinder, die als Erfolgsgeschichten präsentiert werden können, ist problematisch, da daraus folgt, dass nur in gutem Licht dastehen kann, wer gemäss gängigen gesellschaftlichen Kriterien als erfolgreich gilt – was insbesondere für Pflegekinder oftmals eine besonders hohe Hürde darstellt.

Ein Ausbruch aus der Dominanz dieser Narrative im öffentlichen Diskurs gelingt kaum, die Perspektive von Pflegekindern fehlt weitestgehend oder wird falls vorhanden mit anderen Perspektiven konterkariert und in der Folge in ihrer Bedeutung relativiert. Eine Ausnahme bilden lediglich Darstellungen der Perspektive von Pflegekindern im Rahmen von persönlichen Portraits, welche Ambivalenzen aufzeigen und unterschiedliche Deutungsmöglichkeiten eröffnen. Sie haben das Potenzial, davon wegzukommen, Pflegekinder bloss als Opfer und/oder Täter*innen zu sehen oder ihnen nur Beachtung zu schenken, wenn sie prominent oder erfolgreich sind. Solange es sich dabei allerdings um vereinzelte Fälle im grossen Strom der medialen Berichterstattung handelt, vermögen sie wohl kaum relevante diskursive Verschiebungen zu bewirken.

QUELLEN

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bazonline.ch (BaZO) (16.11.2017): Bonjour Tristesse.

Beobachter (BEO) (03.10.2014): „Ich bin doch voll normal. Immer noch“.

beobachter.ch (BEOO) (19.11.2021): „Wir wollen nicht ins Heim“.

Blick (BLI) (13.10.2014): „Behörden schickten unsere Kinder zu Frömmlern“, 4.

Blick (BLI) (11.07.2018): „Kindeswohl und Kindeswillen sind doch nicht dasselbe!“, 2.

blick.ch (BLIO) (22.08.2019): Schweizer (65) soll jahrelang Mädchen misshandelt haben.

blick.ch (BLIO) (20.09.2020): Wettswil ZH: Problemkind Boris* (15) wieder im Jugendknast.

Der Bund (BU) (11.07.2018): Der Kindeswille geht vor, 1.

derbund.ch (BUO) (05.05.2017): Wenn ein Kind den Staat ans Limit bringt.

Die Wochenzeitung (WoZ) (24.12.2020): Der Entscheid, der Ruhe in sein Leben brachte, 4.

landbote.ch (LBO) (24.12.2021): Careleaver in Winterthur: „Mit 18 fiel ich komplett ins Loch“.

Luzerner Zeitung (LUZ) (09.12.2016): „Niemand sagte mir, dass meine Mutter sterben wird“, 30.

Neue Luzerner Zeitung (NLZ) (06.01.2015): „Die Angehörigen haben keine Rechte“, 2–3.

Neue Luzerner Zeitung (NLZ) (12.01.2015): Ein Mädchen zwischen zwei Fronten, 13.

Nidwaldner Zeitung (NIW) (04.02.2020): Der Rausch im Mutterleib, 2.

NZZ am Sonntag (NZZaS) (08.09.2013): Wohin mit jungen Tätern?, 24.

oltnertagblatt.ch (OLTO) (26.03.2022): Ein juristisches Seilziehen um ein Kind und heftige Vorwürfe an die Kesb Thal-Gäu: Sie würde ihre Arbeit abschieben.

Ostschweiz am Sonntag (OaS) (08.02.2015): Die Ultima Ratio beim Kindesschutz, 2–3.

Schweizer Familie (SF) (20.05.2020): „Das Schreiben hat mich gerettet“, 22.

schweizer‐illustrierte.ch (SIO) (23.10.2018): Tamy Glausers Mama: „Im Herzen waren wir immer nah“.

Solothurner Zeitung (SOZ) (13.05.2016): Von Eritrea nach Schnottwil, 22–23.

srf (SRF) (22.03.2015): Fenster zum Sonntag.

srf.ch (SRF) (18.05.2017): Bundesgericht gibt Kesb Recht – Vorbestrafter Pflegevater darf Kind nicht mehr in Obhut nehmen.

srf.ch (SRF) (22.01.2021): Pflegekinder sollen bei ihrer Platzierung mitreden.

St. Galler Tagblatt (SGT) (21.05.2015): Dem Pflegevater ausgeliefert, 48.

Thurgauer Zeitung (TZ) (06.07.2019): Der Staat drückt sich, 26.

zentral+ (Z+) (23.09.2013): Weggesperrt.

Zofinger Tagblatt (ZOF) (31.05.2019): Pflegekinder verlieren Prozess am Obergericht, 12.

Zofinger Tagblatt (ZOF) (27.07.2021): Trotz Härtefall: Gericht für Landesverweis, 5.

Zürichsee-Zeitung (ZSZ) (17.10.2013): Gericht bestraft jugendlichen Einbrecher milde, 5.

20 minuten (ZWA) (19.10.2021): Ist vermisste Shalomah (11) bei berüchtigter Sekte?, 12.

20 minuten online (ZWAO) (21.01.2020): „Ich bin durchgedreht, weil ich meine Tochter liebe“.

Literatur

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[1]Die Angaben zu verwendeten Mediendokumenten finden sich im Quellenverzeichnis. Da Seitenzahlen teilweise fehlen (v. a. bei Online-Artikeln), werden diese aus Konsistenzgründen im Text nicht angegeben, jedoch falls vorhanden im Verzeichnis.

[2]Der Umstand, dass in der Schweiz bisher keine solche Statistik existiert, wurde vom UN-Kinderrechtsausschuss mehrfach gerügt, worauf das Bundesamt für Justiz 2022 eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben hat (Biesel et al. 2024).

[3]Suchbegriffe: Pflegekind, Pflegefamilie, Pflegevater, Pflegemutter, Pflegeeltern, Pflegetochter, Pflegemädchen, Pflegebub, Familienpflege, Familienplatz (für französischsprachige Texte wurden die entsprechenden frz. Begriffe verwendet). Das Korpus wurde auf Basis von Swiss-AL-Daten der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (Angewandte Linguistik) erstellt.

[4] I = Die breite Abdeckung von Mediendokumenten im Datenkorpus ermöglichte das Codieren von möglichst vielfältigen und unterschiedlichen Darstellungsweisen und Narrativen. Die Analyse bezweckte umgekehrt jedoch nicht die systematische Differenzierung dieser Darstellungsweisen und Narrative nach Selektionskriterien bzw. Arten von Mediendokumenten, weshalb keine entsprechenden Aussagen auf Basis der Analyse möglich sind.

[5]Wir verwendeten für die vorliegende Analyse claude.ai.