Editorial: Jugend, Migration, Religion – Wie kann dazu (noch) geforscht werden
Johanna Egli und Katharina Leimbach
In medial-politischen, aber auch wissenschaftlichen Diskursen werden Jugendliche und insbesondere migrantisch und religiös anders positionierte Jugendliche zumeist als besondere und problematische Gruppe verhandelt und marginalisiert. So hat die Defizitperspektive im Jugenddiskurs Tradition und seit ihrer Entstehung im 19. Jahrhundert nicht an Bedeutung eingebüßt (Hoffmann/Mansel 2010; Rieker 2025). Im Kontrast dazu steht das idealisierte Jugendbild (Dudek 2022), welches eine zentrale Rolle in der Hervorbringung der abweichenden, problematischen Jugend spielt (Anhorn 2010). Das idealisierte Jugendbild, das mit einer eurozentrischen Idee einer Normalbiographie (Liebel 2018) aufgeladen ist, entfaltet gerade in „migrationsgesellschaftlichen Zugehörigkeitsordnungen“ (Geier/Mecheril 2021, 191) seine Wirkung.
Dabei wird nur schon durch die Differenzierung „zwischen einem Aufwachsen unter Bedingungen der Migration und einer Jugend jenseits dieser“ (Pfaff 2020, 87) eine Besonderung vorgenommen. Darüber hinaus wird migrantisch positionierten Jugendlichen unterstellt, von einer zusätzlichen Herausforderung betroffen zu sein (z. B. King/Koller 2009) oder zwischen zwei Welten zu leben, die sich nicht vereinen ließen (z. B. von Wensierski 2012). Damit einher geht eine Defizitperspektive, welche die Angleichung an eine Dominanzgesellschaft nahelegt und somit migrationsgesellschaftliche Zugehörigkeitsordnungen reproduziert.
Seit einigen Jahren wird insbesondere die Religiosität von migrantisch positionierten Jugendlichen als abweichender und potenziell gefährlicher Faktor herausgestrichen und diskutiert. Dabei steht vorwiegend islamische Religiosität im Fokus von Radikalisierungsforschung und -intervention. In diesem werden gerade junge Muslim*innen verdächtigt, „(mitunter sehr schnell) in den Modus der Radikalisiertheit ‚umzuschlagen‘“ (Marquardt/Qasem 2022, 24).
Dementsprechend wird versucht, Regeln und Diagnosen von Radikalisierungsprozessen zu erkennen und wissenschaftlich zu fundieren, um möglichst früh mit Erziehungsmaßnahmen einzugreifen (Marquardt/Qasem 2022, 23 f.). Es werden sodann „unterschiedliche Differenzfiguren aktiv“ (Höhne 2022, 72), was „muslimische Jugend“ als Medium, über das gesellschaftliche Machtverhältnisse reproduziert werden, besonders vital macht. Dabei wird eine machtvolle (sozial-)pädagogische, psychologische und kriminologische Befassung, Beaufsichtigung und Betreuung wirksam. Höhne (2022, 80) spricht in diesem Zusammenhang von einem „Erziehungskomplex“, in dem Erziehung zu einem „Phänomen gesellschaftlicher Integration, Macht und Ordnungsbildung wird“.
Forschung über muslimische Jugend ist folglich stark von Sicherheits- und Integrationsdiskursen geprägt und kann sich diesen spezifischen Problematisierungen nicht entziehen (Jukschat/Leimbach 2020). Im Gegenteil sogar: Forscherische Praktiken sind Teil gesellschaftlicher Bearbeitungsprozesse und tragen dadurch unumwunden zu Wissensmustern bei, die muslimische Jugend als soziales Problem weiter herausstellen (Leimbach 2025). In dem Wie, wie über muslimische Jugend geforscht und verhandelt wird, zeigt sich folglich eine vielschichtige und gerade deswegen sehr wirkungsvolle Form, in der sich (Erziehungs-)Wissenschaft an der Reproduktion hegemonialer Verhältnisse beteiligt.
Essentialisierungen bestehen dabei insbesondere in Problematisierungen in denen Gefährlichkeiten und Gefährdungen (Rieker 2025) verhandelt werden. Diese durchziehen auch den (erziehungs-)wissenschaftlichen Diskurs im Schnittfeld von Jugend, Migration und Religion. (Erziehungs-)Wissenschaft nimmt dabei nicht nur an den besagten essentialisierenden und problematisierenden Diskursen teil, sondern verleiht diesen auch den Anstrich von Evidenz und wissenschaftlicher Fundiertheit. Diese Teilnahme an hegemonialen Diskursen und somit auch an der Reproduktion hegemonialer Verhältnisse wird innerhalb der sozialwissenschaftlichen Community seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts thematisiert und problematisiert.[1]
Dies schlägt sich etwa in postkolonialen, rassismuskritischen, feministischen oder auch poststrukturalistischen und postmodernen Theorien nieder (u. a. Foucault 1974; Spivak 1988; Haraway 1991; Said 2009; Butler 2014). Eine Problematisierung wissenschaftlicher Repräsentation rückte derweil seit den 1980er-Jahren durch einen Diskurs unter dem Titel der „Krise der Repräsentation“ (Berg/Fuchs 2016) vermehrt in den Fokus und hat an seiner Aktualität seither nicht eingebüßt. So lassen prominente Diskurse im Schnittfeld von Jugend, Migration und Religion eine geringe Wahrnehmung und Bearbeitung der Verstrickungen von Forschung in hegemoniale Verhältnisse erkennen. In sich als kritisch verstehenden Diskursen scheint derweil häufig die Problematik machtvoller Verstrickungen zwar thematisiert und kritisiert zu werden, allerdings selten mit forschungspraktischen Konsequenzen einherzugehen.
Ebenfalls sind aus diesen Diskursen neue Themenschwerpunkte und Fachrichtungen entstanden, welche sich auf Diskriminierung und soziale Ungleichheit spezialisiert haben. Durch eine solche thematische Schwerpunktverschiebung wird die besagte machtvolle Verstrickung aber nur vermeintlich gelöst. Jugend, Migration und Religion werden dabei ausschließlich unter dem Aspekt von Diskriminierung und Ungleichheit thematisiert und beforscht. Dadurch geraten andere Aspekte und Dimensionen in den Hintergrund und werden somit weitgehend den eher essentialistisch geprägten Diskursen überlassen. Aus dieser Beobachtung empfiehlt es sich das Wie, also Wie kann dazu (noch) geforscht werden? in seiner komplexen Verstrickung mit dem „Was“, sprich den Forschungsgegenstand, als forschungspraktische Herausforderung herauszustellen.
Ausgehend von der gleichnamigen Tagung, die an der Universität Zürich im September 2024 stattgefunden hat, sind die Herausgeberinnen zusammengekommen, um dieser Frage im Rahmen eines Themenschwerpunkthefts einen weiteren Diskursraum zu geben. Beide führen qualitative Forschungsprojekte im Schnittfeld Jugend, Migration und Religion durch und sind dabei mit dem Unbehagen konfrontiert, unausweichlich Teil einer Festschreibung der marginalisierten Anderen zu sein. Davon ausgehend haben sie zu Beiträgen aufgerufen, in denen sich die Autor*innen nicht nur mit der eigenen forscherischen Involvierung in Essentialisierungen und Problematisierungen befassen, sondern auch entlang ihrer konkreten Forschungspraxis methodologische Überlegungen anstellen, wie dieser Involvierung begegnet werden könnte. Dabei sind fünf Beiträge zusammengekommen, in denen die Autor*innen an unterschiedliche Perspektiven und Ansätze anschließen und in ihren jeweiligen Projektzusammenhängen fruchtbar machen.
Der Beitrag von Shérine Ramez und Caroline Bossong basiert auf zwei Promotionsvorhaben, die in Deutschland und Frankreich Ungleichheitsverhältnisse an Schulen vergleichend thematisieren. Dabei stellen sie das Dilemma voran, zugleich in und zu Ungleichheitsverhältnissen zu forschen. Sie geben dazu Einblicke in eine erziehungswissenschaftliche Migrationsforschung, die entlang ihrer eigenen ethnographischen Projekte als transnational, rassismus- und machtkritisch auszurichten ist.
Lena Dreier schließt in ihrem Beitrag an Debatten um die Differenzkategorie „Mehrheitsgesellschaft“ an. In einer Sekundäranalyse von qualitativen Interviews mit Studierenden und Lehrenden des Faches Islamische Theologie betrachtet sie die Herstellung und Funktionalität der Kategorie „Mehrheitsgesellschaft“ in der Erhebungspraxis. Neben einer Reifizierung dieser Kategorie rekonstruiert sie aber auch Strategien der Entproblematisierung durch die Interviewten.
Im Kontext einer relationalen Ungleichheitsforschung nimmt Maria Keil in ihrem Beitrag die Verwobenheit der Kategorien Ethnie, Geschlecht, Klasse und Religion in den Blick. Auf Basis von Interviews und ethnographischen Beobachtungen analysiert sie die Herstellung der Kategorien durch sozialräumlich-stigmatisierte und migrantisierte Jugendliche. Daran anschließend entwirft sie eine anti-essentialistische und machtsensible Forschungsstrategie durch die Anwendung einer Perspektive der relationalen Ungleichheitsforschung.
Im Beitrag von Floreal Raul Keller wird der Frage nachgegangen, wie insbesondere zu Religion (noch) geforscht werden kann. Seine Antwort findet er in der globalgeschichtlich orientierten Religionsforschung und entwirft damit ein Forschungsprogramm für einen Umgang mit Prozessen des religiösen Otherings. Die religionswissenschaftlichen Diskurse werden in seinem Beitrag für die erziehungswissenschaftliche Migrationsforschung fruchtbar gemacht.
Johanna Egli und Katharina Leimbach legen in ihrem Beitrag ihr Verständnis von methodologischer Reflexivität dar und veranschaulichen dies entlang kurzer Szenen ihrer ethnographischen Forschungen. Sie arbeiten die Debatten und Anwendungen reflexiver Forschungshaltungen kritisch auf und entwerfen daran anschließend ein Konzept von Reflexivität, welches sie insbesondere aus der Situationsanalyse heraus begründen.
Die Beiträge erfinden das Rad nicht neu, sondern überzeugen vor allem dadurch, dass sie gezielt auf dem reichen Fundus bestehender theoretischer und methodologischer Ansätze aufbauen, diese konzeptuell aufbereiten und weiterdenken sowie im jeweiligen Projektzusammenhang konkretisieren. Das Themenschwerpunktheft versammelt daher Ideen möglicher Ausarbeitungen und konkreter Umsetzungen machtsensibler Forschungskonzeptionen. Ziel ist es, damit einen Beitrag zu einem methodologischen Diskurs über machtsensible Forschung zu leisten. Gleichzeitig sollen daraus Anregungen für Forschende entstehen, die sich aktiv mit ihrer eigenen wissenschaftlichen Involvierung auseinandersetzen und nach Lösungen in der konkreten Forschungspraxis suchen – nicht nur, aber insbesondere im Schnittfeld von Jugend, Migration und Religion.
Die Realisierung eines solchen Themenschwerpunkthefts ist nur durch die Arbeit und Expertise zahlreicher Personen möglich. Daher danken wir den Autor*innen für ihre gehaltvollen und impulsgebenden Beiträge, den Gutachter*innen für ihre hilfreichen und wertschätzenden Gutachten, Daniel Werner für die zügige und sorgfältige Lektorierung und nicht zuletzt der GISo-Redaktion für die zuverlässige Unterstützung im Arbeitsprozess und die Möglichkeit, einen Diskursraum zu eröffnen.
Literatur
Anhorn, Roland (2010): Von der Gefährlichkeit zum Risiko – Zur Genealogie der Lebensphase „Jugend“ als soziales Problem. In: Dollinger, Bernd/Schmidt-Semisch, Henning (Hrsg.): Handbuch Jugendkriminalität: Kriminologie und Sozialpädagogik im Dialog. Wiesbaden: VS, 23–42. https://doi.org/10.1007/978-3-531-92131-0_2
Berg, Eberhard/Fuchs, Martin (Hrsg.) (2016): Kultur, soziale Praxis, Text. Die Krise der ethnographischen Repräsentation. 4. Auflage, Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Butler, Judith (2014): Das Unbehagen der Geschlechter. 17. Auflage, Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Dudek, Peter (2022): Geschichte der Jugend. In: Krüger, Heinz-Hermann/Grunert, Cathleen/Ludwig, Katja (Hrsg.): Handbuch Kindheits- und Jugendforschung. Wiesbaden: Springer Fachmedien, 497–519. https://doi.org/10.1007/978-3-658-24777-5_17
Foucault, Michel (1974): Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Geier, Thomas/Mecheril, Paul (2021): Grenze, Bewegung, Beunruhigung. Skizze einer zugehörigkeitstheoretisch informierten Migrationsforschung. In: Zeitschrift für Migrationsforschung, 1 (1), 171–196. https://doi.org/10.48439/zmf.v1i1.104
Haraway, Donna (1991): Situated Knowledges: The Science Question in Feminism and the Privilege of Partial Perspective. In: Haraway, Donna (Hrsg.): Simians, Cyborgs, and Women. The Reinvention of Nature. New York: Routledge, 183–202.
Hoffmann, Dagmar/Mansel, Jürgen (2010): Jugendsoziologie. In: Kneer, Georg/Schroer, Markus (Hrsg.): Handbuch Spezielle Soziologien. Wiesbaden: VS, 163–178.
Höhne, Thomas (2022): Resiliente Demokratie durch Bildung oder Erziehung? Überlegungen zum Verhältnis von Sicherheit, Demokratie und politischer Bildung. In: Bossong, Caroline/Dipçin, Dilek/Marquardt, Philippe A./Schellenberg, Frank/Drerup, Johannes (Hrsg.): Islamismusprävention in pädagogischen Handlungsfeldern. Rassismuskritische Perspektiven. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, 67–94.
Jukschat, Nadine/Leimbach, Katharina (2020): Radikalisierung oder die Hegemonie eines Paradigmas – Irrititationspotenziale einer biografischen Fallstudie. In: Zeitschrift für Soziologie, 49 (5–6), 335–355. https://doi.org/10.1515/zfsoz-2020-0028
King, Vera/Koller, Hans-Christoph (2009): Adoleszenz als Möglichkeitsraum für Bildungsprozesse unter Migrationsbedingungen. Eine Einführung. In: King, Vera/Koller, Hans-Christoph (Hrsg.): Adoleszenz – Migration – Bildung: Bildungsprozesse Jugendlicher und junger Erwachsener mit Migrationshintergrund. Wiesbaden: VS, 9–26. https://doi.org/10.1007/978-3-531-91459-6_1
Laclau, Ernesto/Mouffe, Chantal (2006): Hegemonie und radikale Demokratie. Zur Dekonstruktion des Marxismus. 3. Aufl. Wien: Passagen.
Leimbach, Katharina (2025): Zur (Weiter-)Entwicklung eines integrativen und verstehenden Forschungsprogramms für die Analyse von Konstruktionsprozessen sozialer Probleme. In: Blessinger, Martin/Hillebrecht, Moritz/Keller, Reiner/Schürmann, Lena/Tiroch, Georg (Hrsg.): Wissensverhältnisse und Wissenspolitiken, Theorie und Praxis der Diskursforschung. Wiesbaden: Springer Fachmedien, 307–326. https://doi.org/ 10.1007/978-3-658-48453-8_15
Liebel, Manfred (2018): Andere Kinder, andere Jugendliche. In: Lange, Andreas/Reiter, Herwig/Schutter, Sabina/Steiner, Christine (Hrsg.): Handbuch Kindheits- und Jugendsoziologie. Wiesbaden: Springer Fachmedien, 295–314. https://doi.org/10.1007/978-3-658-04207-3_22
Marquardt, Philippe A./Qasem, Sindyan (2022): Rassismus und Rassismuskritik im politischen Projekt der Islamismusprävention. In: Bossong, Caroline/Dipçin, Dilek/Marquardt, Philippe A./ Schellenberg, Frank/Drerup, Johannes (Hrsg.): Islamismusprävention in pädagogischen Handlungsfeldern. Rassismuskritische Perspektiven. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, 21–43.
Said, Edward W. (2009): Orientalismus. Frankfurt am Main: S. Fischer.
Spivak, Gayatri Chakravorty (1988): Can the Subaltern Speak? In: Nelson, Cary/Grossberg, Lawrence (Hrsg.): Marxism and the Interpretation of Culture. Chicago: University of Illinois Press, 271–313.
Pfaff, Nicolle (2020): Jugendforschung in den Fallstricken des methodologischen Nationalismus?! In: Grunert, Cathleen/Bock, Karin/Pfaff, Nicolle/Schröer, Wolfgang (Hrsg.): Erziehungswissenschaftliche Jugendforschung: Ein Aufbruch. Wiesbaden: Springer Fachmedien, 77–95. https://doi.org/10.1007/978-3-658-27612-6_5
Rieker, Peter (2025): Jugend. In: Handbuch Soziale Probleme. Wiesbaden: Springer VS, 1–16. https://doi.org/10.1007/978-3-658-44905-6_21-2
von Wensierski, Hans-Jürgen (2012): Das islamisch-selektive Bildungsmoratorium – Zur Struktur der Jugendphase junger Muslime in Deutschland. In: Ecarius, Jutta/Eulenbach, Marcel (Hrsg.): Jugend und Differenz: Aktuelle Debatten der Jugendforschung. Wiesbaden: Springer Fachmedien, 213–224. https://doi.org/10.1007/978-3-531-92088-7_10
[1] Den Hegemonie-Begriff verstehen wir, Laclau und Mouffe (2006) folgend, als Prozesse von Deutungskämpfen um und Aushandlungen von Wahrheiten. Dabei wird davon ausgegangen, dass in diesen Aushandlungen machtvolle Strukturen eingelassen sind, denen eine Dominanz spezifischer Sichtweisen folgt.
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