Analytische Reflexivität als konsequente Bewusstwerdung über die Situation des beforschten Phänomens – Überlegungen entlang zweier Projekte über muslimische Jugend
Johanna Egli und Katharina Leimbach
Ausgehend von zwei verschiedenen Ethnografien über muslimische Jugend erarbeiten die Autorinnen ein methodologisches Verständnis für eine reflexive Forschungshaltung. In diesen Projekten in einem Feld, das durch machtvolle essentialisierende Diskurse geprägt ist, irritierte die methodologische Bedeutung von Reflexivität. Diese Irritation wird als Ausgangspunkt genommen, um sich mit Reflexivität als Grundprinzip interpretativer Sozialforschung auseinanderzusetzen und die forschungspraktischen Anwendungen des Konzepts kritisch zu beleuchten. Daran anschließend wird ein Konzept der analytischen Reflexivität erarbeitet, welches sich an der Methodologie der Situationsanalyse und ihrem postmodernen Sozialitätsverständnis orientiert.
1. Einleitung[1]
Reflexives Forschen in ethnografischen Projekten gilt als prominente Forschungsstrategie (Whitaker/Atkinson 2022). Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn das Forschungsfeld diskursiv und politisch aufgeladen ist und mit einem (ausgeprägteren) Machtgefälle zwischen Forschenden und Beforschten einhergeht. Der Wissensproduktion soll insbesondere dann reflexiv begegnet und Forschung als spezifische Form sozialer Beziehung verstanden werden (Bereswill/Rieker 2008, 426 f.). Der Beitrag entstand aufgrund eines geteilten Unbehagens unsererseits, obwohl wir mit je unterschiedlichen Schwerpunkten im Feld muslimischer Jugend forschen. Das Unbehagen ergab sich dabei einerseits daraus, dass wir uns mit äußeren sowie inneren Widerständen konfrontiert sahen, eben jene vielfach beforschte, öffentlich thematisierte und meistens auch problematisierte Gruppe als weiße, nicht-muslimische und deutungsmächtige Frauen zu beforschen.[2] Andererseits bestand ein Unbehagen gegenüber einer Form der Reflexivität, mit der eben jene Unterschiede und Positionalitäten neutralisiert oder mindestens kontrolliert werden sollten.
Das Unbehagen in der eigenen Forschung und das Unbehagen gegenüber einer reflexiven Forschungshaltung als prominente (vermeintliche) Lösung sehen wir in einem engen Zusammenhang. So ist auch eine kritisch positionierte Forschung zu muslimischer Jugend nicht davon befreit, essentialisierend, problematisierend oder machtreproduzierend zu wirken. Wir arbeiten heraus, dass einer reflexiven Forschungshaltung, durch die Essentialisierungen und Problematisierungen kontrolliert werden sollen, eine implizite Form des Objektivismus und ein moralischer Purismus inhärent sind. Wir sehen deshalb auch in kritisch und machtsensibel positionierten Forschungen Tendenzen einer Überbetonung des Selbst und einer geringen analytische Nutzung (selbst-)reflexiver Praktiken. In Anschluss an diese Kritik führen wir das Konzept der analytischen Reflexivität in Anlehnung an Clarkes (2012; Clarke et al. 2018) Methodologie der Situationsanalyse ein. Um dieses Konzept zugänglich zu machen, schlagen wir ein Verständnis von Sozialität vor, welches relational, prozessual und durch Komplexität gekennzeichnet die Situation des beforschten Phänomens zum Forschungsgegenstand erhebt. Mit der Situationsanalyse als Stütze für unser Konzept der analytischen Reflexivität streben wir einen holistischen Ansatz an, der sich insbesondere für ethnografische Forschungen eignet, aber auch bei Interviewstudien angewendet werden kann.
So wird die analytische Reflexivität auch in einer qualitativen Interviewstudie zu einem epistemologischen Mittel, wenn ein verstehender Ansatz verfolgt wird, der über die konkrete Interviewsituation hinausgeht. Somit können unsere methodologischen Überlegungen überall da zum Einsatz kommen, wo qualitativ-rekonstruktive Verfahren und die Prinzipien qualitativer Sozialforschung den Forschungsprozess strukturieren.
Die konzeptionellen Überlegungen zu einer analytischen Reflexivität sehen wir in enger Anbindung an unsere Forschungsprojekte, wobei entscheidend war, „die eigenen Irritationen über die normative Aufladung des Forschungsfelds nicht einfach als persönliches Störgefühl beiseite zu schieben, sondern als Teil des Forschungsprozesses selbst im Blick zu behalten“ (Bereswill/Rieker 2008, 404). Dabei geht es uns letztlich darum, eine machtsensible Forschung anzuvisieren, in der das Potenzial qualitativen Forschens ausgeschöpft wird. Das ist etwas, das unserer Ansicht nach häufig nicht oder nur unzureichend geschieht.
Um unsere Überlegungen zu plausibilisieren, führen wir zuerst in das Forschungsfeld an der Schnittstelle von Islam und Jugend ein. Dadurch soll die Relevanz eines Reflexivitätsverständnisses, das über eine Gesellschafts- und Wissenschaftskritik hinausgeht, aufgezeigt werden. Im darauffolgenden Kapitel zeigen wir drei Fallstricke im Verständnis und in der Anwendung von Reflexivität auf. Im Anschluss stellen wir unsere Überlegungen zu einer analytischen Reflexivität vor und illustrieren deren Umsetzung und Erkenntnispotenzial am Beispiel unserer Forschungsprojekte.
2. Muslimische Jugend – ein von Irritationen und Unwohlsein begleitetes Forschungsthema
Forschungen über (junge) Muslim*innen sind in der Schweiz und in Deutschland in den vergangenen zwanzig Jahren sprunghaft angestiegen (Tezcan 2003; Amir-Moazami 2018; de Koning 2023). Tezcan (2003, 237) schreibt in diesem Zusammenhang von einer „Goldgräberstimmung“. In einem dominierenden Forschungsstrang wird muslimische Jugend in einem essentialisierenden, problematisierenden und kriminalisierenden Modus verhandelt – dies häufig unter dem Label anwendungsorientierter Radikalisierungs-, Sicherheits-, Integrations-, Adoleszenz- und Identitätsforschung. Dabei werden häufig Forschungsfragen gestellt, die von öffentlich-medialen Debatten und Ereignissen angeheizt sind, wie zum Beispiel: „Wie radikal ist die muslimische Jugend in der Schweiz?“ (Baier 2018), „Fördert oder verhindert Religion die Integration muslimischer Jugend?“ (Baumann 2017; Schmid et al. 2018). Solche Fragen appellieren an Gefühle der (Un-)Sicherheit, Fremdheit und Verlustangst: Wie kann die Gefahr gebannt, die Überfremdung verhindert und wie können (z. B. demokratische) Werte und Normen bewahrt werden? Muslimische Jugend scheint demnach ein emotional, normativ, moralisch und politisch aufgeladenes Forschungsthema zu sein (Bereswill/Rieker 2008).
Diesem begegnet ein weiterer Forschungsstrang explizit kritisch. Wissenschaftliches Wissen wird in diesem in enger Anbindung an machtvolle Diskurse betrachtet und daraus die Verantwortung für eine machtsensible Forschung abgeleitet. Hieraus resultierten neue Fachrichtungen wie Postcolonial Studies (Kim 2021), Indigenous Studies (Gerharz 2022) oder kritische Migrationsforschung (Mecheril et al. 2013). In diesen werden Themen wie Positionalität, Machtgefälle, Deutungshoheiten, Reproduktion sozialer Ungleichheitsstrukturen, Differenzreflexivität und Kategoriensensibilität zum festen Repertoire kritischer wissenschaftlicher Auseinandersetzung. Allerdings erfolgt auch diese immer öfter in einem normativen, moralisierten und emotionalisierten Modus, wenn etwa darüber verhandelt wird, wer überhaupt zu welchen Themen forschen darf: Dürfen weiße Forschende über Rassismus forschen? Oder: Werden Differenzverhältnisse bereits durch die Bezeichnung muslimische Jugend oder Jugendliche mit Migrationshintergrund reproduziert?
Im Zusammenhang mit diesen polarisierten Diskursen lassen sich auch die Irritationen und das Unwohlsein verstehen, welche unsere ethnografisch angelegten Forschungsprojekte seit ihren Anfängen begleiten. Da ist einerseits das DFG-Projekt „Interaktionen von neosalafistischen, delinquenten und nicht-delinquenten Jugendlichen in marginalisierten Stadtgebieten“ (2022–2025, Katharina Leimbach), welches direkt problematisiert und muslimische Jugend im Kontext von Salafismus und Marginalisierung beforschen soll. Dabei ist das Unwohlsein der Forscherin davon geprägt, dass im Projekt von einer Faktizität und Beobachtbarkeit von salafistischen Jugendlichen ausgegangen wird. Damit bewegt sich das Forschungsvorhaben innerhalb einer Wissenskultur, die muslimische Jugend ausschließlich im Kontext sozialer Abweichung und dem sogenannten „crime-terror-nexus“ (Sandberg et al. 2023) untersucht.
Andererseits ist da das Dissertationsprojekt zu muslimischen Jugendvereinen in der Schweiz (seit 2022, Johanna Egli). Im Fokus des ersten Konzeptentwurfs standen „Herstellungsprozesse muslimischer Identitäten in islamischen Jugendgruppen“. Aus einem wachsenden Bewusstsein für dessen essentialistische Implikationen wurde das Projekt schließlich als explorative Ethnografie mit einem machtsensiblen Anspruch konzipiert. Mit dieser Erfahrung war eine Verunsicherung und übermäßige Bemühung, nicht zu essentialisieren, verbunden. Daher war die Forscherin zeitweise auf sich selbst fokussiert im Sinne einer Selbstinspektion, wobei die muslimischen Jugendvereine aus dem Blick gerieten. Dementsprechend verbindet die beiden Projekte trotz unterschiedlicher Anlage ein Unbehagen, welches vom machtvollen Unterfangen ausgeht, als weiße, mehrheitsangehörige Frauen die muslimischen Anderen zu explorieren (Amir-Moazami 2018). Dabei zeigt sich, dass sich die besagten emotional, normativ, moralisch und politisch aufgeladenen, polarisierten Diskurse auf unterschiedliche Weise in beiden Projekten niederschlagen. Wissenschaft agiert daher nicht unabhängig von sozialen und gesellschaftlichen Zusammenhängen und ist stets von politischer Relevanz (Haraway 1991). So stehen nicht nur (männliche) Jugendliche seit jeher im Zentrum sicherheitspolitischer Agitationen, sondern insbesondere seit den 1990er‑Jahren sogenannte „ausländische“, später aber auch explizit muslimische Jugendliche. Forschung zu muslimischer Jugend bewegt sich daher in einem politisch aufgeladenen Feld.[3] Auf diese Beobachtung wird seitens sich als kritisch verstehender Wissenschaftler*innen häufig mit dem Konzept der Reflexivität reagiert.[4] Aber auch mit diesem Konzept waren in unseren Forschungen bald ein Unbehagen und ein vages Gefühl verbunden, dass mit Reflexivität häufig indirekte Essentialisierungen einhergehen. Daher wollen wir den epistemologischen und methodologischen Implikationen dieses Konzepts im folgenden Kapitel nachspüren.
3. Reflexivität – analytisches Potenzial ausschöpfen, anstatt objektivistische Selbstkontrolle
„Reflexivity is in fashion, and we must therefore ask what and how it can contribute to the grounding of categories“ (Dey 2007, 168).
Die Bedeutsamkeit von Reflexivität in der qualitativen Sozialforschung gründet in ihren grundlegendsten methodologischen Grundannahmen und -voraussetzungen. Diese erkennt Rosenthal (2015, 40) darin, dass Sozialwissenschaft in „einer bereits interpretierten Welt“ stattfindet. Forschen stellt daher eine „durch Interpretationshandlungen konstituierte Realität“ (Lamnek 2010, 32) dar, die auf forschende Personen als wahrnehmende, erkennende und interpretierende Subjekte angewiesen ist. Qualitativ-rekonstruktive Forschung findet ihre zentrale Prämisse in dem (An-)Erkennen von Subjektivität. Demnach stellen auch Forschende Subjekte mit spezifischen Positioniertheiten, Perspektiven und Erfahrungen dar, die wiederum ihr forscherisches Tun beeinflussen. Schütz (1971) bezeichnete diese konstituierte Realität als sozialwissenschaftliche Konstruktion, die Alltagskonstruktionen durch analytische Systematisierung und Fokussierung generalisiert. Demnach wenden interpretativ Forschende nicht nur Forschungsinstrumente an, sondern werden selbst zum Forschungsinstrument, über das sich die Erkenntnisgenerierung vollzieht. Subjektivität wird dadurch zu einem „Erkenntnisfenster eigenen Rechts“ (Breuer/Muckel 2016, 68). Hier kommt eine reflexive Haltung ins Spiel, die als achtsame Wahrnehmung und Aufmerksamkeit der Forschenden als historisch, kulturell und biografisch geformte Subjekte in Forschungssituationen verstanden werden kann. Eine reflexive Forschungshaltung bedeutet vor diesem Hintergrund eben auch, die eigene Subjektivität anzuerkennen und dieser in der eigenen Erkenntnisproduktion wissend zu begegnen. In der Methodenliteratur wird deshalb so weit gegangen, Reflexivität als Gütekriterium qualitativer Sozialforschung zu verstehen (Steinke 2022). Eine solche reflexive Forschungshaltung hat zunehmend an Bedeutung gewonnen, was sich auch auf das Aufkommen sogenannter postmoderner Ansätze zurückführen lässt, welche die epistemische Logik wissenschaftlicher Erkenntnisproduktion methodologisch miteinschließen (von Unger 2021, 187).[5]
Subjektivität als Bedingung zur Generierung verallgemeinerbaren Wissens wird in einer Forschungslandschaft, in der Objektivität nach wie vor als wissenschaftlicher Goldstandard angesehen wird, aber auch in Frage gestellt. Die spezifischen Voraussetzungen qualitativer Forschung gehen daher mit methodologischen Herausforderungen einher, denen häufig mit dem Konzept der Reflexivität begegnet wird. Dabei lässt sich allerdings beobachten, dass Reflexivität häufig nicht der analytischen Schließung, sondern einer objektivistischen Selbstkontrolle dient. Diese kommt entweder in einem expliziten Streben nach der größtmöglichen Objektivität oder aber in impliziter Weise in einer Überbetonung von Subjektivität zum Ausdruck. Ähnliche Tendenzen erkennen wir auch in einer moralischen Agenda, die sich in kritisch positionierter Forschung verorten lässt. Im Folgenden werden wir auf diese drei Fallstricke genauer eingehen.
Von einem expliziten Objektivismus (1) sprechen wir, wenn Subjektivität als Störfaktor angesehen wird, der den Erkenntnisgewinn ungünstig beeinflusst und potenziell verfälscht. In der Literatur ist dabei etwa von Einfluss (influence), Auswirkung (impact) oder Beeinflussung (affect) die Rede; „self-influence on the research“ (Ide/Beddoe 2024, 726), „impact of their biases, beliefs, and personal experiences on their research“ (Berger 2015, 220), „specific ways in which our own agendas affect the research at all points in the research process“ (Hesse-Biber 2012, 17). Daraus wird die vermeintlich logische Schlussfolgerung gezogen, dass es eines Kontrollinstruments oder Objektivierungstools bedarf, welches in Reflexivität erkannt wird. Mit Reflexivität soll also eine „Neutralisierung“ der Subjektivität (Becker 2017, 202) herbeigeführt werden oder Reflexivität soll als „self-monitor“ (Berger 2015, 220; Dodgson 2019, 220), „self-appraisal“ (Berger 2015, 220), „self-evaluation“ (Berger 2015, 220; Eitel 2019, 34) oder „self-scrutiny“ (Pillow 2003, 177) fungieren. Ein solches Verständnis von Reflexivität wird von Ploder und Stadlbauer (2017) als „schwache Reflexivität“ bezeichnet und kritisiert. Nach diesem Reflexivitätsverständnis geht es folglich um eine Produktion möglichst „unberührter Daten“ (Ploder/Stadlbauer 2017, 423). Trotz einer unvermeidlichen Subjektivität wird folglich ein möglichst hoher Grad an Objektivität angestrebt, um die vermeintlichen Fakten oder Wahrheiten möglichst rein zu halten.
In impliziter Weise zeigt sich das Phänomen auch in einer Überbetonung von Subjektivität (2). Gemäß Bereswill (2003, 512) wird dabei Selbstreflexivität durch eine Zentralisierung des forschenden Subjekts zum Selbstzweck, was sich etwa in einer „indifferenten Selbsterfahrungsbemühung“ äußere. Prominent hat Bourdieu (1993) über dieses Phänomen geschrieben, wobei er den Begriff „narzisstische Reflexivität“ verwendet. Gemäß Bourdieu (1993, 366) ist die Forschungsperson dabei übermäßig auf sich selbst bezogen, ohne eine „Verfeinerung und Verstärkung der Erkenntnismittel“ zu betreiben. Obwohl mit diesem Reflexivitätsverständnis eine radikale Abgrenzung gegenüber Objektivitätsansprüchen einherzugehen scheint, wird in ihm ein unterschwelliger Objektivismus erkennbar (Day 2012). Dabei scheint das forschende Subjekt gewissermaßen selbst zu einem unberührten Datum zu werden im Sinne eines authentischen Erfahrens, Wahrnehmens, Seins, welches durch Reflexivität hervorgebracht werden soll.
Das Phänomen eines unterschwelligen Positivismus lässt sich auch in einem moralischen Purismus (3) erkennen. Dieser steht im Zusammenhang mit theoretischen und methodologischen Entwicklungen sowie politischen Bewegungen seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dazu zählen etwa postkoloniale, rassismuskritische und feministische Theorien und Bewegungen, poststrukturalistische und postmoderne Theorieentwicklungen sowie die Krise der Repräsentation (Berg/Fuchs 2016). Damit einher ging eine grundlegende Infragestellung von Wissenschaft. Zum einen wurde der Anspruch auf absolute Wahrheit verworfen und Wissen als situiert (Haraway 1991) und machtvolles Repräsentationsunterfangen betrachtet. Zum anderen wurde auf die Verstrickung von Wissenschaft in machtvolle gesellschaftliche Verhältnisse aufmerksam gemacht. Reflexivität erlangte dadurch eine erweiterte Bedeutung als Instrument für eine machtsensible und ethische Forschung (von Unger 2021). Reflexivität reduziert sich allerdings auch hier häufig darauf, machtvolle Zuschreibungen, Differenzierungen, Kategorisierungen, Essentialisierungen und Problematisierungen usw. im Forschungsprozess zu diagnostizieren und zu eliminieren. Dabei rücken diese selbst ins Zentrum der Betrachtung und Reflexivität verkommt erneut zu einem Selbstzweck. Dadurch gerät der eigentliche Gegenstand entweder in den Hintergrund oder er wird vermeintlich von essentialisierenden und diskriminierenden Diskursen befreit. Dem Gegenstand scheint dabei ein vermeintliches Eigenleben unabhängig dieser Diskurse zugeschrieben zu werden,[6] worin wiederum ein versteckter Objektivismus erkennbar wird. Ebenfalls geht damit entgegen den eigentlichen Absichten einer kritischen Forschung eine indirekte Essentialisierung und Kulturalisierung einher.
Über die drei gezeigten Fallstricke hinweg erkennen wir ein zentrales forschungspraktisches Problem darin, dass Reflexivität nicht als Analysemodus, sprich als fixer Bestandteil der Analyse verstanden wird, sondern als Zusatzleistung neben der eigentlichen Analyse. Dadurch bleibt nicht nur das analytische Potenzial von Reflexivität unverwirklicht, sondern wird auch eine künstliche Trennung zwischen vermeintlich objektive(re)n und subjektive(re)n Forschungsdaten eingeführt. Dadurch wird der Subjektivität-Objektivität-Dualismus aufgerufen, den wir als Nährboden positivistischer Logiken ansehen.
Daraus ergibt sich die Frage, wie Reflexivität als Analysemodus verstanden und angewendet werden kann, ohne sich in einem impliziten Positivismus zu verlieren. Zu diesem Zweck präsentieren wir ein Sozialitätsverständnis, das an die Methodologie der Situationsanalyse (Clarke et al. 2018) angelehnt ist. Wir bauen darauf einen holistischen Forschungsansatz auf, der sich besonders für ethnografische Forschung, aber auch für qualitative Interviewstudien eignet. Reflexivität soll so insbesondere ihre analytische Bedeutung auch forschungspraktisch zurückgewinnen.
4. Situationsanalyse als epistemologische Stütze für die analytische Reflexivität[7]
Wir werden im Folgenden verdeutlichen, wie Reflexivität zum analytischen Modus und damit integrativer Bestandteil qualitativen Forschens und Schreibens werden kann. Dafür ziehen wir die methodologischen Grundideen der Situationsanalyse heran und geben zur Konkretisierung unseres Verständnisses von analytischer Reflexivität empirische Beispiele aus unseren Forschungsprojekten. Clarkes (2012; Clarke et al. 2018) Ideen einer relationalen, prozessualen, komplexen und machtdurchzogenen Sozialität dienen als Basis für einen analytischen Reflexivitätsmodus. Die konkrete methodische Umsetzung und Datenauswertung können wir in diesem Artikel nicht darstellen. Wir gehen jedoch von einer Kombination interpretativer, sinnverstehender Verfahren für „Tiefenbohrungen“ in Kombination mit einer eher heuristischen situationsanalytischen Vorgehensweise des Kodierens und Mappings aus.[8] Bei diesem Vorhaben bauen wir auf dem methodologischen und postmodernen Verständnis von Clarkes (2012; Clarke et al. 2018) Situationsanalyse auf. Als Schülerin von Strauss entwickelte Clarke, zusammen mit Kolleg*innen, die Grounded Theory Methodology (GTM) weiter. Entgegen dem Grundgedanken der GTM, dass in den Daten etwas vorzufinden sei, lenken Clarke et al. (2018) den methodologischen Fokus auf Relationen, Prozesse, Komplexitäten und die situierte Wissensproduktion von Daten und Ergebnissen. Sie orientieren sich dabei unter anderem an den Arbeiten von, Foucault (1974), Derrida (1976), Berger und Luckmann (1980) sowie Haraway (1991) und stellen auf diese Weise Bezüge zur feministischen Erkenntnistheorie, Wissenschaftskritik und Ungleichheitsforschung her (Offenberger 2019).
Für Clarke berücksichtigen Glaser und Strauss (1967) nur in ungenügender Weise die Situiertheit sozialer (Handlungs-)Prozesse. Auch der Vorschlag von Corbin und Strauss (2015), Bedingungen und Kontext von Forschungsgegenständen durch das Kodierparadigma stärker zu berücksichtigen, bleibt für Clarke unzureichend:
Die Bedingungen der Situation sind in der Situation enthalten. So etwas wie „Kontext“ gibt es nicht. Die bedingenden bedingten Elemente der Situation müssen in der Analyse selbst spezifiziert werden, da sie für diese konstitutiv sind und sie nicht etwa nur umgeben, umrahmen oder etwas zur Situation beitragen. Sie sind die Situation. (Clarke 2012, 112; Herv. i. Orig.)
In dieser Lesart wird die Situation des beforschten Phänomens – zum Beispiel die Situation muslimischer Jugend(-vereine) – zum Forschungsgegenstand und die Rekonstruktion der Komplexität dieser Situation zum Untersuchungsziel (Strübing 2018, 686). Dabei besteht die methodische Idee der Situationsanalyse darin, die Elemente der Situation in ihrer Relation zu rekonstruieren und darüber hinaus die (Be-)Deutungen herauszuarbeiten. Kontext im Sinne eines Ursache-Wirkung-Denkens oder einer Hintergrundfolie des Gegenstandes wird dabei obsolet, weil es nicht mehr so etwas wie einen Vorder- und Hintergrund gibt, sondern verschiedene Elemente, die als miteinander in Verbindung stehend gedacht werden. Dabei werden keine Gewichtungen oder Schichtungen dieser Elemente vorgenommen, sondern die Relationen zwischen diesen analytisch fokussiert. Das Forschungsprojekt wird dabei als mit der Situation verwoben in die Analyse miteinbezogen. Dabei wird die Wissensproduktion selbst als Form der Standortgebundenheit analytisch in die Genese von Forschungsbefunden miteingewoben (Gauditz et al. 2023, 5). Das Credo der Situationsanalyse – „alles ist die Situation“ – beschreibt und bietet daher die analytische Gelegenheit:
- Sozialität als einen komplexen, prozesshaften Handlungszusammenhang zu verstehen;
- die typische Mikro-Makro-Perspektive auf Gesellschaft brüchig zu machen und durch eine reziproke Durchdringung dieser Ebenen zu ergänzen;
- ein methodologisches Betrachten und Infragestellen der eigenen Forschungshandlungen und deren Relationen in der Situation zu ermöglichen. Auf diese Weise kann eine in situ enthaltene reflexive Forschungshaltung etabliert werden, die analytisch fruchtbar wird, weil sie methodologisch einen Prozess des „Verstehens des Verstehens“ (Hitzler 1993, 229) anstößt.[9]
4.1 Analytische Reflexivität als methodologische Konsequenz der Situationsanalyse
Konzipiert man Islam und Jugend als Forschungsgegenstände, dann wird schnell deutlich, dass die eigene institutionelle Verortung der Forschung und die wissenschaftliche Herangehensweise selbst Elemente der Situation sind. Der Forschungsgegenstand und die Forschung sollten deshalb in ihrer Verwobenheit genauer betrachtet werden. Dadurch wird Reflexivität zu einem zentralen Muster, um die Relationalität und Situiertheit des Forschungsgegenstandes zu beleuchten. Gemäß eines symbolisch-interaktionistischen Verständnisses (Blumer 1986) bedeutet dies, dass wir als Forschende den Gegenstand selbst ebenso mitformen, wie dies Institutionen sozialer Hilfe und Kontrolle sowie mediale und politische Diskurse tun. In dieser Denktradition ließen sich Islam undJugend als theoretische Kategorien (Glaser/Strauss 1967; Keller 2011) begreifen, die mit Bedeutung versehen, erfolgreich etabliert und interaktiv sowie performativ aufrechterhalten werden. Eine Forschung über muslimische Jugend wäre damit eine situative und situierte Praxis, die als aktiver Prozess der Herstellung von Problemkategorien verstanden werden müsste. Indem abstrakte Kategorisierungen in der Praxis und auf konkrete Fälle respektive Menschen angewendet werden, können sie institutionalisiert werden (Groenemeyer 2010).[10] Um die komplexen Wechselwirkungen zwischen Akteur*innen, Institutionen und diskursivem Wissen in den Blick zu bekommen, dient die Situationsanalyse (Clarke et al. 2018; Strübing 2018) als heuristisches und methodologisches Werkzeug. Dabei werden das eigene Forschungshandeln sowie die machtvollen Ko-Konstruktionen im Zuge der Forschung als inhärenter Bestandteil der Analyse angesehen und komplexe Verwobenheiten analytisch fokussierbar gemacht. Hierbei können verschiedene analytische Einheiten als Heuristik fungieren:
- Organisation: Welche Institutionen und Organisationen sind wie in die Situation des beforschten Phänomens eingebunden? Was repräsentieren diese und wie werden sie in der Situation bedeutend?
- Wissen: In welche Wissenskulturen und Diskurse ist die Forschung selbst eingebunden und wie manifestieren sie sich in der Situation des beforschten Phänomens?
- Subjekt: In einem interaktionistischen und poststrukturalistischen Sinne (Leimbach 2023b) stellt sich die Frage, wie Subjekte im Zuge der Forschung hergestellt werden, wie diese Herstellungsprozesse mit Subjektivierungslogiken des Feldes zusammenhängen und welche Rolle der Interaktion mit den forschenden Personen dabei zukommt.
Auch wenn eine Trennung der Einheiten der analytischen Schärfung dienlich ist, stehen sie dennoch in einem untrennbaren Zusammenhang. Anhand von empirischen Beispielen aus unseren Forschungsprojekten werden wir entlang der drei analytischen Einheiten zeigen, wie eine reflexive Forschungshaltung aussehen könnte.
4.2 Wie analytische Reflexivität praktisch wird: Forschungsbeispiele
Wie bereits in Kapitel 2 dargestellt, bewegen sich die Projekte der Autorinnen thematisch um muslimische Jugend. Um eine reflexive Forschungshaltung analytisch fruchtbar zu machen und darüber die Eigensinnigkeit der Situation des beforschten Phänomens herauszuarbeiten, werden wir im Folgenden kurze Beispiele aus unseren Projekten geben und entlang der drei vorgeschlagenen Analyseeinheiten durchspielen. Hierbei werden Unterschiede darin deutlich, wie die Situation des beforschten Phänomens projektspezifisch konzeptualisiert werden kann: Während im DFG-Projekt von Katharina Leimbach stärker die Situation der Forschung selbst, sprich die Forschungssituation im analytischen Fokus steht, soll im Projekt von Johanna Egli die Situation muslimischer Jugendvereine in der Schweiz beleuchtet werden.
Projekt 1: Für eine reflexive Vorgehensweise, die das Projektvorhaben zum einen durch bestimmte Organisationen geprägt versteht, aber zum anderen auch in seinen verankerten Wissenskulturen bestimmt, wurde das Team des DFG-Projekts „Interaktionen von neosalafistischen, delinquenten und nicht-delinquenten Jugendlichen in marginalisierten Stadtteilen“ zu Beginn auf seine impliziten Wissensbestände hin befragt und ein Artikel darüber verfasst (siehe Leimbach/Wilke 2023). Auf diese Weise konnte nachvollzogen werden, dass trotz der grundlagenorientierten Förderung durch die DFG anwendungsbezogene Ideen, eine problematisierende Sicherheitsorientierung (Salafismus als ein potenzielles Phänomen, welches zu Radikalisierungsprozessen führen kann) und eine starke Fixierung auf junge Männer im Kontext sozialer Abweichung und dem Islam rassifizierende, sexistische und problematisierende Setzungen vorgab, die sich in den Interaktionen mit den Gatekeeper*innen und Jugendlichen fortsetzten. Das Forschungsprojekt und damit auch die Forschenden selber repräsentieren institutionell und organisational verankerte Problematisierungen: Durch den immer wieder aufs Neue konstatierten Forschungsbedarf zu muslimischer Jugend werden diese zur Figur der bzw. des delinquenten Anderen und als wissenschaftliches Artefakt (Foucault 1976, 324) festgesetzt. In der wiederholten (wissenschaftlichen) Auseinandersetzung mit immer gleichen Gruppen und Orten liegt die Macht der Ungleichheitsherstellung (Leimbach 2023b, 177), die ein wesentlicher Bestandteil der Forschungssituation im Ganzen ist.
Was sich bereits institutionell zeigte, setzte sich in den Interaktionen mit den Subjekten der Forschungssituation fort. Die Setzungen des Projektes lassen sich subjektivierungstheoretisch und relationstheoretisch als Anrufungen verstehen (Leimbach 2023b, 176 f.) und produzieren unweigerlich Reaktion (Subjektivierungsweisen):
Während ich bei einem der ethnografischen Feldaufenthalte in einem Jugendzentrum zwischen sechs Jugendlichen saß, betritt ein weiterer junger Mann den Raum. Die anderen jungen Männer werden aufgeregt und sagen: „Mit dem musst Du reden! Der ist richtig kriminell, der war auch schon im Knast.“ Der gerade erschienene junge Mann kommt auf mich zu und quetscht sich neben mich aufs Sofa. Ich sitze da mit meinem Klemmbrett und bin unsicher, was ich nun sagen soll. „Wer bist Du und was machst Du hier?“, fragt der junge Mann mich. Bevor ich antworten kann, schreitet einer der anderen jungen Männer ein und sagt: „Sieh es Dir an, wir sind so Zoo für die, dass die schon herkommen und Experimente mit uns machen.“
In dieser Szene werden soziale und habituelle Unterschiede verhandelt, die entlang des Forschungsprojektes und dessen Kommunikation verlaufen. Die Interaktion der Forscherin mit den Jugendlichen wird zu einer Situation der Subjektivierung, in der die Jugendlichen sich als wissenschaftliche Forschungsobjekte verstehen. Dabei haben die Jugendlichen das Gefühl, besonders interessant für das Projekt zu sein, je delinquenter sie sind, und sehen sich damit auch in einer Position, in der sie sich interessant machen wollen. Zugleich scheint es frustrierend, dass Angehörige der „Deutschen“, wie sie mich wiederholt nennen, nur dann mit ihnen interagieren, wenn sie ein wissenschaftliches oder pädagogisches Interesse verfolgen. Damit werden Linien sozialer Ungleichheit bedeutend, die im Falle des Forschungsprojektes räumliche Aspekte sowie ethnifizierende und kriminalisierende Dimensionen enthalten (Leimbach/Walter 2024).
Projekt 2: Für eine reflexive Vorgehensweise in einer organisationalen Einheit im Forschungsprojekt zu muslimischen Jugendvereinen, sind die ersten Kontaktpunkte mit diesen aufschlussreich. Der Start erfolgte dabei über das Internet. Bald wurde klar, dass die meisten Webseiten muslimischer Vereine rudimentäre Informationen preisgeben und kaum Aufschluss darüber geben, wann und wo die Vereine was aktuell (für Jugendliche) veranstalten. Es machte den Eindruck, dass die Vereine bedingt für öffentliche Blicke zugänglich sein wollen – beispielsweise für die Forscherin. Dieser Eindruck verfestigte sich im weiteren Verlauf, zum Beispiel beim ersten Moscheebesuch:
Vor mir befindet sich ein heruntergekommenes Gebäude. Die Fensterscheiben sind mit einer gräulichen Folie abgeklebt: Von außen ist es also unmöglich, einen Blick nach innen zu werfen.
Nicht nur in der digitalen, sondern auch der physisch-räumlichen Sphäre der Öffentlichkeit halten sich die Vereine im wahrsten Sinne des Wortes bedeckt. Von der Öffentlichkeit und externen Blicken scheint eine potenzielle Gefahr auszugehen, die durch Uneinsehbarkeit und erschwerte Zugänge eingedämmt werden soll. Diese Gefahr wurde auch immer wieder – auch im weiteren Verlauf der Forschung – expliziert. So meinte der Imam der besagten Moschee: „Man müsse vorsichtig sein, sonst komme dann in einigen Jahren wieder eine andere Initiative“, wobei er sich auf die angenommene Verhüllungsverbotsinitiative (2021) bezog. Diese organisationalen Schutzmaßnahmen führten bei der Forscherin als Repräsentantin des öffentlichen Blicks dazu, dass sie sich bald als Gefahr wahrzunehmen begann:
Ich werde wirken wie eine Schnüfflerin oder Journalistin, die schauen möchte, wie die Muslime das so machen. Diese Rolle finde ich total eklig und peinlich.
Dadurch wird ersichtlich, dass die Situation dieser Vereine von Dynamiken von Gefahr und Schutz(-bedürfnis) durchzogen ist und sich diese auch in der Wahrnehmung und im Empfinden der Forscherin niederschlagen.
Diese Dynamiken werden auch bei einem analytischen Fokus auf die Einheit Wissen deutlich. So fielen der Forscherin in den Vereinen Aushandlungen religiöser Praxis auf. In diesen ging es etwa darum, wo und wie eine Essensbestellung aufgegeben werden soll – ob zum Beispiel auch Pizzas mit Fleisch auf die Liste der Bestelloptionen sollen, obwohl klar war, dass das Fleisch nicht halal ist, oder ob es Kleidungsvorschriften geben sollte. In der Analyse war die Forscherin bald verlockt, diese Aushandlungen entlang des Dualismus traditionell versus modern zu deuten resp. die darin auftretenden Positionen in einer Nähe zu oder Ferne von einem liberal-säkularen Normen- und Wertecluster zu verstehen (Amir-Moazami 2018). Darin wird eine Wissenskultur deutlich, über die muslimische Jugendliche als religiöse Andere (Mecheril/Thomas-Olalde 2011; Riegel 2011) hervorgebracht und problematisiert werden. Aus einer relationalen Perspektive wird davon ausgegangen, dass auch die untersuchten Vereine Teil dieser Wissenskultur sind resp. an dieser teilnehmen. Dies wird darin deutlich, dass ein Wissen um Problematisierungen islamischer Religiosität in den Vereinen vorhanden ist. Wenn zum Beispiel religiöse Events im Programm des Vereins festgehalten werden sollen, „gibt es so ein bisschen die Angst, dass man extrem wirkt“ – so ein Teilnehmer. Oder eine Teilnehmerin reagiert vehement auf die Idee einer Kleidungsvorschrift, „weil man kann den Leuten nicht sagen ‚du kannst nicht so gekleidet kommen‘ das geht einfach nicht, vor allem als [muslimischer Verein], das würde uns so eine schlechte Reputation geben.“ Dementsprechend wird in den Aushandlungen religiöser Praxis wiederum die potenzielle Gefahr des öffentlichen Blicks aktiv und bedeutsam – die Gefahr, aufgrund islamischer Religiosität abgewertet oder gar delegitimiert zu werden. Es zeigt sich also, dass religiöse Positionierungen und Aushandlungen in den Vereinen verstrickt sind mit einer bestimmten Wissenskultur, die Amir-Moazami (2018, 113) mit dem Begriff „liberal-säkulare Matrix“ beschreibt.
Anhand dieser Beispiele konnte gezeigt werden, wie analytische Reflexivität gemäß einer situationsanalytischen Epistemologie und Methodologie aussehen könnte und welche Erkenntnispotenziale sie mitbringt. Eine logische Konsequenz, die für uns daraus resultiert, ist eine holistisch-ethnografische Herangehensweise. Dadurch können auch Geschehnisse im Zuge der Forschung, die auf den ersten Blick als nebensächlich erscheinen, in einer systematischen Relation mit anderen Geschehnissen sowie prozessual betrachtet werden. Durch eine konsequente Bewusstwerdung für diese Relationen und Prozesse werden analytische Fokussierungen möglich, die eine relationale, prozessuale, komplexe und machtdurchzogene Sozialität zu erfassen im Stande sind. Ein verstehender Zugang geht dann weit über eine Sequenzierung von Interviewmaterial oder ein Kodieren von Feldnotizen hinaus. Nach diesem Verständnis wird das Soziale nicht nur in der Interviewsituation oder bei einem Feldaufenthalt ausgehandelt, sondern im Forschungsantrag, bei ersten Feldeindrücken und ‑kontakten oder in Interaktionen zwischen Forschenden und Beforschten usw. Entsprechend einer analytischen Reflexivität sind auch diese analytisch in den Blick zu nehmen, um der empirischen Eigentümlichkeit der Forschungssituation und dadurch auch des beforschten Phänomens auf die Spur zu kommen. Die empirische Eigentümlichkeit wird dann zum eigentlichen Forschungsziel und geht letztlich auf die basale Frage „What goes on?“ zurück, die in der GTM forschungsleitend ist (Birks/Mills 2015).
5. Fazit: Essentialisierungen sind keine zu eliminierenden Störfaktoren, sondern eine Eigenheit der Situation des beforschten Phänomens
In diesem Artikel war es unsere Bestrebung, mit Reflexivität einen machtsensiblen Forschungsansatz zu verfolgen, durch den das Potenzial qualitativen Forschens ausgeschöpft wird. Ausgehend von zwei Forschungsprojekten über muslimische Jugend sind wir daher der Bedeutung von Reflexivität in der qualitativen Sozialforschung nachgegangen. Dabei haben wir festgestellt, dass mit Reflexivität häufig nicht das analytische Potenzial qualitativer Forschung ausgeschöpft wird, sondern als Selbstzweck zu fungieren scheint. Hierbei reduziert sich Reflexivität auf eine objektivistische Selbstkontrolle. In expliziter Weise lässt sich dies in einer Bemühung um Objektivität in der Forschung durch Reflexivität erkennen. In impliziter Weise ist sie aber auch in einer Übergewichtung von Subjektivität sowie in einem moralischen Purismus erkennbar.
Das zentrale Problem von Reflexivität als objektivistische Selbstkontrolle erkennen wir darin, dass sie von Trennungen zwischen vermeintlichen Subjekten, Objekten und Forschenden ausgeht, anstatt diese in Relation zueinander zu denken. Dies geht aus der Bestrebung hervor, den Forschungsgegenstand möglichst rein zu halten, um eine vermeintlich objektive, authentische oder moralische Forschung zu gewährleisten. Es zeigt sich folglich, dass Reflexivität häufig nicht mit einem analytischen Potenzial, sondern ganz im Gegenteil mit Verengungen des analytischen Blicks einhergeht. Dementsprechend halten wir ein solches Reflexivitätsverständnis als machtsensiblen Ansatz für problematisch. So werden Essentialisierungen fortgesetzt, wenn versucht wird, die Forschung künstlich von eben diesen zu befreien – so, als wäre sie (die Forschung) nicht Teil der emotional, normativ, politisch und moralisch aufgeladenen Diskurse rund um muslimische Jugend.
Daher plädieren wir für ein Verständnis von Sozialität als komplexer, prozesshafter Handlungszusammenhang. Hieraus resultiert die methodologische Konsequenz, den Forschungsgegenstand holistisch-ethnografisch, relational und prozessual zu betrachten. Daraus folgt, dass im Falle des DFG-Projekts die Forschungssituation selbst und im anderen Projekt die Situation muslimischer Jugendvereine ins Zentrum der Erkenntnisbemühungen gestellt wird (Clarke et al. 2018). Diesem Verständnis folgend ist analytische Reflexivität nicht nur eine Analysestrategie im Werkzeugkoffer qualitativer Methodik, sondern bezeichnet auch eine konsequente Bewusstwerdung für die Situation des beforschten Phänomens und geht auf das Credo der Situationsanalyse „alles ist die Situation“ zurück. Dieses Credo verstehen wir dabei nicht als analytische Beliebigkeit und Grenzenlosigkeit, sondern als Anstoß für analytische Fokussierungen auf übergreifende komplexe Verstrickungen und Prozesse.
In den hier gezeigten Forschungsprojekten über muslimische Jugend werden folglich emotional, normativ, politisch und moralisch aufgeladene Diskurse als in der (Forschungs‑)Situation des DFG-Projekts sowie in der Situation muslimischer Jugendvereine verankert angesehen. Gemäß einer analytischen Reflexivität sollen diese Diskurse daher weder zum eigentlichen und alleinigen Forschungsfokus erklärt werden, noch künstlich ausgelagert, sondern analytisch in den Blick genommen werden, um ein besseres Verständnis für das beforschte Phänomen zu gewinnen. Dabei werden etwa Essentialisierungen und Problematisierungen, die von bestimmten Wissenskulturen und Diskursen ausgehen, nicht als zu umgehende oder eliminierende Störfaktoren, sondern als in der Situation des beforschten Phänomens verankert angesehen.
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[1] Wir bedanken uns bei den anonymen Gutachter*innen für die wertschätzenden Gutachten und die wertvollen Hinweise. Außerdem bedanken wir uns bei Peter Rieker, der den Text kritisch gelesen hat und ohne dessen äußerst konstruktiven Anmerkungen der Text so nicht vorliegen würde.
[2] Mehr zu den beiden Projekten in Kapitel 2.
[3] Aber auch unabhängig von dem Forschungsgegenstand der muslimischen Jugend wäre zu fragen, ob sich Forschung nicht immer in politisch verschiedentlich aufgeladenen Feldern bewegt und eine forscherische Reflexivitätspraxis bereits darin bestehen könnte, eben jene politische Aufladung genauer zu bestimmen.
[4] Für machtsensible Forschungsstrategien finden neben den Debatten um Reflexivität aber auch Auseinandersetzungen um das Erstellen von Feldprotokollen und Differenzierungspraktiken sowie ein sensibler Umgang mit sozialen Kategorien in ethnografischer Forschung statt (siehe z. B. Althans 2014; Wrana 2014). Diese berühren am Rande auch Fragen der Reflexivität. Wir stützen uns in unserem Beitrag jedoch auf die explizite Verhandlung von Reflexivität als methodische Praxis der empirischen Sozialforschung.
[5] Da wir später das Konzept der Situationsanalyse einführen, verwenden wir den Begriff „Postmoderne“ Clarke (2012) folgend. Dieser findet in einer Selbstbezeichnung Clarkes Anwendung, die entgegen der europäischen höchst differenzierten Diskussionen (siehe z. B. Angermüller 2008; Moebius 2009) um Poststrukturalismus und Postmoderne einer nordamerikanischen Tradition entspringt, in der dieser Begriff leichtfertiger Verwendung findet (Gauditz et al. 2023, 6 f.): „Die Postmoderne stehe dabei als Kategorie für eine der Moderne folgenden Epoche, die vor allem durch vielfältige Möglichkeitsräume statt einheitlicher Erzählstränge geprägt sei. Postmoderne Perspektiven bedeuten für die SitA [Situationsanalyse] vor allem, die vervielfältigte Komplexität unserer Welt anzunehmen und dies als Prämisse in SitA-Projekten zu verankern“ (Gauditz et al. 2023, 9).
[6] Dies zeigt sich insbesondere bei ethnografischen Arbeiten, deren Anspruch in der „dichten Beschreibung“, um darüber das Erlebte, wie es war und dort ist, wiederzugeben (z. B. Bourgois/Schonberg 2009; Stuart 2020).
[7] In diesem Kapitel sind kürzere Abschnitte mitunter wortwörtlich aus einer vorangegangenen Publikation übernommen (Leimbach 2023a).
[8] Siehe hierzu zum Beispiel Leimbach (2023a) sowie Negnal und Thiele (2023).
[9] Siehe hierzu auch Leimbach und Wilke (2023), wo der Beginn eines Forschungsprojekts reflexiv gewendet wird, in dem die Projektkonzeption als spezifische Form der Wissensproduktion verstanden wird und Strategien entwickelt werden, um jene dominanten Forschungsperspektiven bewusst zu irritieren.
[10] Leimbach und Jukschat (2023) haben das in Bezug auf „Doing Radikalisierung“ schon einmal durchgespielt und dabei insbesondere auch die Wissenschaftspraxis als Konstruktionsakteur*in begriffen.
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