Tagungsbericht: „Institution Macht Erinnerung“

Henrike Buhr, Mael Boenig und Louisa Veltin

Anfang April 2025 fand an der Universität Kassel die Tagung „Institution Macht Erinnerung – Forschung im Kontext gesellschaftlicher Aufarbeitungsprozesse“ statt. Entlang von sieben Beiträgen wurden die Zusammenhänge von Macht, Gewalt, Vulnerabilität und Selbstbestimmung in der Aufarbeitungsforschung diskutiert und Implikationen für die Forschungspraxis abgeleitet.

Unter dem Titel „Institution Macht Erinnerung“ widmeten sich am 03. und 04. April 2025 an der Universität Kassel verschiedene Forschende der Bedeutung von Machtdynamiken und Zeitlichkeit in und für die sozialwissenschaftliche Forschung im Kontext gesellschaftlicher Aufarbeitungsprozesse. Im Zentrum der durch Mechthild Bereswill (Universität Kassel) und Peter Rieker (Universität Zürich) konzipierten und organisierten Fachtagung standen Fragen zur Zeitlichkeit von Daten, zu Perspektivendivergenzen, Rekonstruktion von Machtdynamiken und Vulnerabilität sowie zu der Gestaltung von Forschungsbeziehungen. Grundlage waren sieben Vorträge, in denen entlang einer je eigenen Forschungspraxis methodologische und forschungsethische Herausforderungen und Strategien im Umgang mit diesen diskutiert wurden. Die Reflexion von machtungleichen und asymmetrischen Forschungsbeziehungen bot hierbei einen zentralen Rahmen der Fachtagung.

Im Auftaktvortrag widmete sich Maria Pohn-Lauggas (Ruhr-Universität Bochum) den Dynamiken von Stigmatisierung, Scham und Unsagbarkeiten entlang von Forschungen zu stigmatisierten Familiengeschichten, denen Kriminalität zugeschrieben wird. Pohn-Lauggas verdeutlichte am Beispiel der Kategorisierung von Menschen als „Berufsverbrecher“ während des Nationalsozialismus, wie stigmatisierte und stigmatisierende Zuschreibungen in Interviewinteraktionen in einem wechselseitigen Schweigen Ausdruck finden können. In solchen Interaktionen werden Deutungen der Erzähler*innen von den Forschenden bestätigt, definiert oder zurückgewiesen. Stigma und Scham können sowohl im intergenerationalen Erinnern und Erzählen seitens der Interviewten als auch durch die Forscher*innen selbst wiederholt hervorgebracht werden. Die Dynamiken sich wiederholender Stigmatisierung sind reflexiv im Forschungsprozess miteinzubeziehen.

Die spezifischen Dynamiken von verschränkter Zeitlichkeit vertiefte Andrea Abraham (Berner Fachhochschule) in einem Vortrag zu transgenerationalen Folgen traumatischer Fremdplatzierungserfahrungen. Am Beispiel der Forschung zu Fürsorge und Zwang im 20. Jahrhundert in der Schweiz zeigte Abraham, dass und wie die subjektiven zeitlichen Logiken der Erzähler*innen nicht zwangsläufig einer Chronologie folgen, beispielsweise wenn die eigene Geschichte der Fremdunterbringung mit der familiären Geschichte verwoben ist. Zusätzlich kann das empirische Material spezifische Formen von Zeitlichkeit aufweisen. Insbesondere, wenn neben dem Erzählten auch Artefakte als Erkenntnisgrundlage herangezogen werden. Am Beispiel gemalter Bilder über vergangene Gewaltsituationen sowie über das gegenwärtige Selbsterleben der Befragten verdeutlichte Abraham, wie solche Artefakte Geschichte erzählbar und nachvollziehbar machen können.

Sarah Könecke und Miriam Schäfer (Ruhr-Universität Bochum) thematisierten die Relevanz der subjektiven Deutungen von Gewalt der Nachkommen von Menschen, die im Nationalsozialismus verfolgt wurden. Sie zeichneten nach, wie sich biographische Verhandlungen der eigenen Geschichte in divergenten Deutungen zeigen können, die sowohl mit familiärer Erinnerungsgeschichte, mit in Akten festgeschriebener Geschichte als auch mit den gesellschaftspolitischen Aufarbeitungsdiskursen verwoben sind. Grundlage bot ein Beispiel der ambivalenten gegenwärtigen Einordnung der Geschichte eines während der Zeit des Nationalsozialismus als homosexuell und straffällig verfolgten Vaters durch dessen Tochter.

Der Frage nach der Wirkungsmacht von stigmatisierenden Zuschreibungen, widmeten sich auch Henrike Buhr, Patrik Müller-Behme und Louisa Veltin (Universität Kassel) bezogen auf die Reproduktion klinischer Diagnosen im Forschungsprozess mit Menschen, denen eine chronische psychische Erkrankung zugewiesen wird. Anhand der Analyse von Kontaktanbahnungen in einem Forschungsprojekt und von Interviewmaterial wurde gezeigt, dass gesellschaftliche und institutionelle Machtgefüge in den Interviewinteraktionen durch wechselseitige, aber nicht intendierte Zuschreibungs- und Positionierungsaktivitäten sowohl der Forschenden als auch der Biograph*innen ausgehandelt und dabei gleichzeitig verfestigt, aber auch in Bewegung gehalten werden.

Im Vortrag von Rebecca Mörgen (Hochschule Luzern) zu fürsorgerischen Zwangsmaßnahmen in der Schweiz im Kontext von Fluchtmigration wurden informelle Machtdynamiken rekonstruiert. Dabei lagen unbegleitete minderjährige Geflüchtete im Fokus, die aber in erster Linie als Asylsuchende und erst in zweiter Linie als Kinder betrachtet wurden. Hierbei stellte Mörgen die Bedeutung des Flüchtlingslagers als einen Ort des Nichterlebens, als einen Nicht-Ort heraus, der gerade durch diese spezifische Ortlosigkeit Macht erlangt. Nicht-Orte sind durch die spezifische Zeitlichkeit des Wartens gekennzeichnet, eine informell legitimierte Machtdynamik.

Maite Gabriel und Silke Gahleitner (Alice-Salomon-Hochschule Berlin) thematisierten in ihrem Beitrag das Sichtbarmachen der Perspektiven von Menschen, die von Gewalt betroffen waren oder sind. In ihrem Aufarbeitungsprojekt zu sexualisierter Gewalt werden Fallbeschreibungen, die auf der Basis von Interviews erstellt werden, mit den Adressat*innen der Forschung besprochen und überarbeitet. Die Teilnahme an der Studie kann also sowohl als ein Beitrag zur gesellschaftlichen als auch als Teil der persönlichen Aufarbeitung angesehen werden. Gemäß Gabriel und Gahleitner erfordert dies eine besondere Sensibilisierung für die Vulnerabilität der Adressat*innen sowie für die Machtdynamiken, die trotz partizipativer Haltung nicht ausgehebelt werden können.

Im abschließenden Vortrag der Tagung widmete sich Mechthild Bereswill anhand der unterschiedlichen Reaktion zweier Zeitzeug*innen auf die Beteiligung in einem Forschungsprojekt den Machtdynamiken von Forschungsbeziehungen. In der Interaktion mit der Forscher*in reagierte eine Person mit großer Verärgerung, eine andere dazu im Kontrast mit großer Dankbarkeit. In dem Beispiel zeigen sich Verletzungs- und Anerkennungsmacht der Forschenden, die damit verbundene Bedeutung wechselseitiger Erwartungen sowie der Erwartungen anderer Akteur*innen im Feld der Aufarbeitung von Gewalt und die Grenzen des Selbst- und Fremdverstehens. Hierbei kam Bereswill zur Konklusion, dass Forschung ein komplexes Machtgefüge darstellt, in dem Macht jeweils kontextspezifisch rekonstruiert werden muss.

Entlang der vorgestellten Forschungsprojekte wurden die Reflexion von Machtdynamiken in Forschungsbeziehungen und die Berücksichtigung spezifischer Zeitlichkeiten und Kontexte diskutiert. Die Vorträge verdeutlichen, dass Gewalt, Vulnerabilität und Selbstbestimmung nicht nur Forschungsgegenstand im Kontext gesellschaftlicher Aufarbeitungsprozesse sind, sondern sich ebenso in allen Phasen des Forschungsprozesses entfalten können. Für die Forschungspraxis bedeutet dies, sowohl Machtdynamiken als auch die spezifischen Formen von Zeitlichkeit bewusst und kontextspezifisch zu reflektieren. Dies betrifft die Gestaltung der Interaktion mit den Forschungsteilnehmer*innen ebenso wie den Umgang mit Verletzlichkeit innerhalb des Forschungsteams, die methodischen Herausforderungen und erkenntnisgenerierenden Potentialen einer interdisziplinären Methodik, oder die Reproduktion von Stigmatisierung durch Nichtbenennung und Benennung von Begriffen mit hierarchisierender und gewaltvoller Historie.

Im Rahmen der Tagung wurden aufbauend auf den empirischen und theoretischen Überlegungen die Zusammenhänge von Macht, Gewalt, Vulnerabilität und Selbstbestimmung für eine Weiterentwicklung der Aufarbeitungsforschung produktiv gemacht. Dabei zeigte sich insbesondere die Notwendigkeit einer anhaltenden projektübergreifenden Vernetzung sowie Auseinandersetzung mit forschungsethischen und methodologischen Fragen. Hierzu gehören ganz grundlegende Fragen danach, wie einer sensibilisierten Perspektive auf Zeitlichkeit in der methodischen Gestaltung entsprochen werden kann oder inwieweit Machtverhältnisse innerhalb von Forschung reflektiert, analysiert und bearbeitet werden können. Es ist weiter zu diskutieren, welche Verantwortung die Aufarbeitungsforschung in Bezug auf eine individuelle sowie politisch-strukturelle Anerkennung von Gewalterfahrungen hat. Im Rahmen der Tagung wurden sowohl die Bedeutungen von Machtasymmetrien evaluiert als auch daran anschließende Fragen nach der Zumutbarkeit in Forschungsbeziehungen sowie dem Beitrag von Forschung für gegenwärtige gesellschaftliche Aufarbeitungsprozesse aufgeworfen.