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Tagungsbericht: Migration. Erinnern. Praktiken des Erzählens und Erinnerns in der Migrationsgesellschaft

Selin Kilic

Vom 24. bis 25.10.2019 fand an der Universität Zürich die vom Lehrstuhl Ausserschulische Bildung und Erziehung des Instituts für Erziehungswissenschaft organisierte Tagung „Migration. Erinnern. Praktiken des Erzählens und Erinnerns in der Migrationsgesellschaft“ statt. Ausgangspunkt der Tagung waren aktuelle Entwicklungen europäischer Migrationsgesellschaften, die durch ein Neben- und Miteinander unterschiedlicher Sprachen und Zugehörigkeiten gekennzeichnet sind, welche mit verschiedenen Erfahrungen von Ausgrenzung und Diskriminierung sowie unterschiedlichen Zuschreibungen einhergehen. Daraus resultieren verschiedene Fragen: Wie lässt sich über diese kollektiven Erinnerungen sprechen? Wie kann Migrationsgeschichten erinnert werden? In welcher Weise schreiben sich Erinnerungen in Biographien ein? 

Zum Einstieg in die Tagung beleuchtete Lena Inowlocki (Universität Frankfurt) Möglichkeiten und Herausforderungen in der Erforschung von Erinnerungen im Migrationskontext. Hervorgehoben wurden von ihr die Bedeutung und der Umgang mit Erwartungen aufgrund eigener biografischer Involvierung. Sie zeigte, dass Erinnerungen nicht immer so zugänglich sind und erzählt werden können, wie sich Forschende dies wünschen. Denn Erinnerungen können von den Befragten oft nicht kohärent oder teilweise gar nicht erzählt und insofern nicht weitergegeben werden. Dies gilt nicht nur für den Forschungsprozess, sondern mitunter auch innerhalb der Familie. Wichtig sei daher, nach Lena Inowlocki, eine gewisse Flexibilität im Feld wie auch im gesamten Forschungsprozess zu bewahren. Die interviewten Personen befinden sich in Suchbewegungen und Ambivalenzen, die mit der Angst einer Aufarbeitung der eigenen oder familialen Migrationsgeschichte und damit verbundenen Erinnerungen einhergehen. Anhand literarischer und filmischer Beispiele zeigte die Referentin auf, wie diese Suchbewegungen und Auseinandersetzungen mit der Migrationsgeschichte künstlerisch bearbeitet werden können.

Der Vortrag von Sibylle Ulbrich (Universität München) widmete sich methodologischen Überlegungen hinsichtlich der Erfassung von Heimaterfahrungen, wobei der Heimatbegriff, welcher in der anschliessenden Diskussion kritisch hinterfragt wurde, nicht territorial, sondern als Feldbegriff kulturell und emotional verstanden werden sollte. Die Referentin ging der Frage nach, inwiefern Erinnerungen über Erzählungen hinausgehen und in welcher Weise dabei Artefakte und situative Handlungspraktiken relevant werden. Die Referentin verstand in ihrem Vortrag den Leib als Gedächtnis und den Habitus als Produkt der eigenen Geschichte, die in kulturellen und gesellschaftlichen Verhältnissen verortet ist. Sie plädierte dabei für eine dichte Teilnahme seitens der Forschenden und einen stärkeren Gebrauch der Sinne. Leibliche (Heimat)Erfahrungen, sind für sie jeweils soziale Situationen, in welchen Erinnerungen hervorgerufen werden können und anhand bewusster Reize als leibliche Interaktionen evoziert werden. 

Der erste Tagungstag fand seinen Abschluss in einem von Ellen Höhne (Universität Zürich) und Anna Schnitzer (Universität Halle-Wittenberg) moderierten Forschungsgespräch zwischen Paola de Martin (ETH Zürich), Miriam Trzeciak (Universität Cottbus-Senftenberg) und Lena Inowlocki. Nach einer Vorstellungsrunde wurde die Bedeutung der Thematisierung und Aufdeckung von Machtverhältnissen in der Forschung über Erinnern und Vergessen diskutiert. Anhand anregender Beispiele und Erkenntnisse aus den Forschungsprojekten zu Erinnerungstraditionen in der Designgeschichte (Paola de Martin) oder dem Projekt der dekolonialen Stadtführungen in Cottbus (Miriam Trzeciak) ergaben sich spannende Fragen, wie wer worüber forschen „darf“ und wer in welcher Weise gehört wird. Damit drängte sich für die Gesprächsteilnehmerinnen die weitere Frage auf, wem die Geschichte und deren Deutungen „gehören“. Neben diesen zentralen Fragen wurden zudem methodische und praktische Herausforderungen wie auch Chancen in diesem Forschungsfeld angesprochen. Es wurde klar, dass Prozesse des Erinnerns je nach biographischem und gesellschaftlichem Kontext heterogen sind. Dies geht mit der Herausforderung einher, eine gemeinsame Sprache zu finden, um diese Prozesse thematisieren zu können. So wurde im Forschungsgespräch die gesellschaftliche und politische Dimension des Erinnerns, auf die bereits Lena Inowlocki in ihrem Eröffnungsvortrag hingewiesen hatte, erneut deutlich. Erinnern kann als umkämpfter Prozess angesehen werden, wobei sich Wissenschaftler*innen immer dafür interessieren sollten, was in welchem Kontext als „schützenswert“ und „erinnerungswürdig“ gilt und wo bewusst oder unbewusst vergessen wird. Das Forschungsgespräch war ein überaus interessantes Format, welches vor allem von der lebhaften Diskussion und von den unterschiedlichen Perspektiven und disziplinären Hintergründen profitiert hat. Im Prozess des Sprechens über den Forschungsgegenstand, des gegenseitigen Nachfragens und Ergänzens wurden Spannungsfelder aufgezeigt und Denkanstösse formuliert, welche auch am nächsten Tag wieder aufgegriffen wurden.

Den Auftakt des zweiten Tages machten Lalitha Chamakalayil (Fachhochschule Nordwestschweiz, Muttenz), Oxana Ivanova-Chessex (Pädagogische Hochschule Zug) und Wiebke Scharathow (Pädagogische Hochschule Freiburg DE) mit ihrem Beitrag aus dem Projekt „Eltern und Schule im Kontext gesellschaftlicher Ungleichheiten“. Die Referentinnen rekonstruierten in ihrem Vortrag anhand einer biografischen Fallanalyse Eigendynamiken im Kontext von hegemonialen Regimen und Diskursen und zeigten dabei unterschiedliche Darbietungen der Erzählung der Migrationsgeschichte auf. Ihre Analysen und Erkenntnisse basieren auf subjektivierungstheoretisch informierten Interpretationen von Sequenzen aus den Interviews. In der anschliessenden Diskussion wurde ersichtlich, wie stark die Gegenwartsperspektive der Interviewten die Erzählweise der eigenen Biografie bedingt und wie wichtig es ist, den Blick darauf zu richten, wie die Migrationsgeschichte erzählt wird bzw. wann und an welchen Stellen geschwiegen wird.

Ebenfalls in der Biografieforschung verortet knüpften Eva Mey (Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften), Miryam Eser Davolio (Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften) und Garabet Gül (Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften) mit ihrem Beitrag an ihre Vorredner*innen an und präsentierten Ergebnisse aus ihrer qualitativen Langzeitstudie zur gesellschaftlichen Positionierung im Übergang ins Erwachsenenalter bei Nachkommen aus zugewanderten Arbeiter*innenfamilien. Interessant war, wie die jungen Erwachsenen im letzten Interview, als sie aufgefordert wurden, einen Blick zurück auf die Adoleszenz und ihren Werdegang zu werfen, Übergangsbewältigungen im Vergleich zu den vorhergehenden Interviews anders bewertet haben und Umdeutungen ebendieser vornahmen. Besonders die familiäre Migrationsgeschichte und die Erinnerungen daran wurden in unterschiedlicher Weise als biografische Ressource genutzt. Auch die Positionierungen bezüglich dem Herkunftsmilieu sowie dem Herkunfts- und Aufnahmeland haben sich in den Erzählungen der Interviewten über die Zeit hinweg stark verändert. 

Dilyara Müller-Suleymanova legte den Fokus ebenfalls auf junge erwachsene Migrant*innen in der Schweiz. Die Referentin arbeitete in ihrem Beitrag entlang der Frage, wie die sogenannte „zweite Generation“ von Bosnier*innen mit Erinnerungen und Narrativen über die traumatische Vergangenheit und ihr konfliktbeladenes Herkunftsland umgehen und welche Rolle Erinnerungen über Konflikte in dem Selbst-Verstehen und der Positionierung dieser jungen Erwachsenen spielen. Dilyara Müller-Suleymanovas Interviewpartner*innen sprachen zwar über die Migrationsgeschichte ihrer Familien, jedoch schienen gewaltvolle Erfahrungen der Eltern in der Vergangenheit bei ihnen in der Familie nicht thematisiert und so zu einem Tabu geworden zu sein. In den Interviews wurde deutlich, dass wichtige Informationen über die Familie von den Kindern oft nur durch Zufall herausgefunden wurden und die Eltern nie explizit über den Krieg sprachen. Die Referentin konnte aufzeigen, wie die Vergangenheit noch immer präsent ist im täglichen Leben, ohne jedoch explizit ausgesprochen zu werden.

Schwerpunkt des Beitrages von Laima Zilinskiene (Universität Vilnius) bildete das Familiengedächtnis und die Frage danach, wie generationale Solidarität und Emigration Familienerinnerungen („family memory“) beeinflussen. Laima Zilinskiene fasste Familienerinnerungen als intergenerationales Phänomen. Im Zentrum ihrer Forschung standen die Kommunikationskanäle, über die Erinnerungen erzählt und weitergegeben werden. Die Referentin unterschied zwischen „family channels“, welche zwischen den Eltern, Grosseltern, Schwiegereltern und Geschwistern bestehen, „network channels“, zu welchen auch Onkel und Tanten beitragen und den „initiative channels“, die dazu dienen, Dinge anderen Personen zu erzählen, die dem breiteren Umfeld angehören. Die Referentin arbeitete heraus, wie diese „memory channels“ genutzt wurden, um Informationen über historische Traumata, welche von Familien- und Netzwerkmitgliedern durchlebt wurden, zu bedeutenden Familienveranstaltungen, zum Familienzusammenhalt und zu schmerzhaften Beziehungen weitergegeben werden. 

Einen Fokus auf das Familiengedächtnis setzte auch Anna Maria Kaim (Universität Osnabrück), die Überlegungen und erste Analysen aus ihrem Promotionsprojekt „Schule und Familie als Sozialisationsinstanzen in der Migrationsgesellschaft“ vorgestellt hat. Anhand eines Falles arbeitete die Referentin heraus, wie Migration in der Familie erinnert wird und wie diese Erinnerung in den Kontext von Familie und Schule eingebettet ist. Dabei nahm sie die Thematisierung von Migration in Alltagssituationen in den Blick. Anhand der präsentierten Ausschnitte aus den Beobachtungsprotokollen und Gesprächen zeigte Anna Maria Kaim auf, in welcher Weise biografisches Wissen und Sinnkonstruktionen von Kindern in den schulischen Kontext hineinwirken und wie wiederum ebendieser Kontext das Wissen und die Sinnkonstruktionen von Kindern beeinflusst. 

Inana Othman (Leibnitz-Zentrum Moderner Orient Berlin) Präsentation bot ein interessantes Beispiel, um die eigene Involviertheit und biografische Positionierung zu thematisieren und deren Relevanz für das Forschungsinteresse zu diskutieren. Basierend auf persönlichen Erfahrungen interessiert sich die Referentin für Erinnerungen von in Deutschland lebenden Syrier*innen aus der Stadt Homs an deren Schulzeit vor 2011. Im Beitrag fanden Raum und Zeitlichkeit eine besondere Bedeutung. So wurde Schule von der Referentin vor allem räumlich gefasst und Erinnerung daran als räumlich gebunden verstanden, was in der Diskussion kritisch diskutiert wurde. Die zeitliche Dimension machte die Referentin an der „Revolution“ fest, welche für sie in ein klares davor und danach unterteilt werden konnte. Inana Othman sah diese als Mittel, um etwas zur Sprache zu bringen, wofür es zuvor keine Worte gab, d.h. als eine Möglichkeit, Erinnerungen zu verbalisieren.

Beendet wurde die Tagung durch ein Fazit von Peter Rieker (Universität Zürich). Für ihn haben sich referatsübergreifend zwei unterschiedliche Ebenen der Grenzen von Erinnerungen herauskristallisiert. Die erste Ebene bezieht sich auf den Kontext des Interviews und die Interviewsituation, wo sich die Fragen stellen, wie Erinnerungen erzählt und wie sie hervorgebracht werden können. Die zweite Ebene bezieht sich auf den Kontext der Familien und die Fragen, was geschieht, wenn Kulturen des Erinnerns fehlen oder nur marginal vorhanden sind und in der Familie gar nicht oder nur selten über Erinnerungen gesprochen wird. Diese Problematik führe, so Peter Rieker, zu Fragen darüber, welche Formen des Erinnerns und welche Kulturen des Erinnerns in der Alltagspraxis existieren. Diese wirken sich wiederum auf die konkrete Interviewsituation aus. Als offene und weiterführende Fragen und Überlegungen, die in den Diskussionen aufgeworfen wurden, formulierte Peter Rieker die Notwendigkeit einer kritischen Reflexion der Sprechpositionen im Feld. So müssten wir uns als Forscher*innen stärker damit auseinandersetzen, wer eigentlich erzählt und wem erzählt wird sowie danach fragen, wer aus welcher Position heraus was thematisieren kann. Es ist wichtig, sich dabei nicht auf die falsche Annahme zu stützen, Erzählung sei gleich Erzählung, ungeachtet davon, wer wem was erzählt. Damit einhergehend ist wesentlich, in den Blick zu nehmen, wer wann die Erlaubnis bzw. das Recht zu sprechen hat und wer wann schweigen muss. 

Die Tagung ermöglichte Einblicke in die Vielfalt der thematischen und methodischen Zugänge zu Erinnerungen, Erinnerungsprozessen sowie Praktiken des Erinnerns im Kontext von Migrationsgesellschaften. Besonders interessant war die Beobachtung, wie schnell thematische Fragen zu methodischen Herausforderungen überleiteten und schlussendlich in methodologischen Reflexionen des Forschungsgegenstandes mündeten. Die beiden Tage waren gekennzeichnet durch einen sich gegenseitig wertschätzenden kollegialen Austausch, bei welchem das gemeinsame Denken an einem geteilten Forschungsinteresse aus unterschiedlichen Perspektiven im Vordergrund stand. Besonders anregend waren dabei die vielen offenen Fragen, die aufgeworfen wurden, und die spezifischen Herausforderungen, zu welchen sich die Teilnehmenden auch immer wieder selbstkritisch positioniert haben und die im abschliessenden Fazit von Peter Rieker noch einmal aufgenommen wurden. Die Tagung bot den entsprechenden Rahmen, um auch persönliche Unsicherheiten und Irritationen im Forschungsprozess zur Diskussion zu stellen und mit den anderen anwesenden Forschenden zu teilen.